IG Metall-Chef Jörg Hofmann: Umbau der Autoindustrie ist machbar

02.07.2018

Eine Studie zeigt: Mit dem Umstieg auf Elektrofahrzeuge kommt auf die Beschäftigten in der Autoindustrie einiges zu. Der Wandel ist aber zu schaffen, wenn Firmen und Politik jetzt die Weichen richtig stellen, sagt Jörg Hofmann im Interview der "Metallzeitung"

Elektroautos sind bisher kaum auf den Straßen zu sehen. Warum hat die IG Metall eine Studie darüber initiiert?

Jörg Hofmann: Weil das nicht mehr lange so bleiben wird. Die Autoindus­trie kann die Klimaziele künftig nur einhalten, wenn Verbrennungsmotoren technisch so verbessert werden, dass sie weniger CO2 ausstoßen und wenn der Anteil an CO2-freien Elektroautos und Hybridfahrzeugen erheblich zunimmt. Das aber hat Folgen für viele der rund 210 000 Beschäftigten in der Auto- und vor allem in der Zulieferindustrie, die Komponenten des Antriebsstrangs entwickeln, herstellen oder montieren. Nur wenn wir wissen, welche Beschäftigten in welchen Betrieben und Regionen wie stark betroffen sind, können wir gegensteuern – und zwar so, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht unter die Räder geraten, sondern Zukunftsperspektiven erhalten.

 Wie viele Menschen sind betroffen?

Hofmann: Die Verfasser der ELAB-Studie prognostizieren, dass bei der Herstellung des Antriebsstrangs bis 2030 gut jeder zweite Arbeitsplatz betroffen sein wird. Denn um einen Elektromotor herzustellen, sind weniger Beschäftigte erforderlich als bei einem Verbrennungsmotor. Hinzu kommen die üblichen Produktivitätsfortschritte und dies bei einem in Europa eher stagnierenden Markt. Rund 76 000 Menschen könnten ihre Arbeitsplätze verlieren. Und dies ist ein eher konservatives Szenario. Es setzt voraus, dass die Herstellung der Komponenten für E-Autos, wie Batterien und Leistungselektronik, in Deutschland erfolgt. Sonst fehlen weitere 25 000 Arbeitsplätze. Auf jeden Fall müssen sich Zehntausende Beschäftigte in kurzer Zeit für neue Tätigkeiten qualifizieren.

 Wie kommt das Fraunhofer-Institut

zu seinen Zahlen?

Hofmann: Die Forscher gehen in dieser Modellrechnung davon aus, dass 2030

genauso viele Antriebsstränge produziert werden wie 2016, nämlich 5,75 Millionen, dass Elektroautos daran einen Anteil von 25 und Hybride von 15 Prozent haben. Und sie berücksichtigen die normalen Produktivitätsfortschritte, also dass zur Herstellung derselben Menge Güter immer weniger Menschen gebraucht werden.

 Machen die Beschäftigungsaussichten nicht vielen Menschen Angst?

Hofmann: Klar ist der Umbau der Autoindustrie eine große Herausforderung. Aber sie ist zu bewältigen. Doch das ist kein Selbstläufer. Es ist wichtig, dass die Beschäftigten, ihre Betriebsräte und ihre Gewerkschaft bei den Veränderungen beteiligt werden. Dies gilt gerade auch, wenn es darum geht, wie die Betroffenen qualifiziert und umgeschult werden. Denn wir brauchen eine große Qualifizierungsoffensive.

Bei allen Herausforderungen: Die Elektrifizierung von Fahrzeugen kann auch zu einem Beispiel für erfolgreichen Strukturwandel werden: sozial, wirtschaftlich und ökologisch. Aber nur dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Wir stehen am Scheideweg. Politik und Industrie müssen jetzt die Weichen richtig stellen.

Die Industrie muss in neue Produktionslinien für E-Komponenten in Deutschland investieren. Zentral wichtig ist hier die Batteriezelle. Das muss jetzt erfolgen.

 Was heißt das für die Politik?

Hofmann: Wenn die EU-Kommission die  CO2-Grenzwerte senkt, muss sie die Auswirkungen auf die Beschäftigung und notwendigen Investitionen in die Infrastruktur im Auge haben. Zielwerte alleine festlegen reicht nicht. Die IG Metall ist nicht gegen anspruchsvolle Zielwerte zum Klimaschutz, aber sie müssen erreichbar sein, ohne dass es zu Arbeitslosigkeit und Strukturkrisen in ganzen Regionen führt. Die Bundesregierung muss endlich ein Gesamtkonzept für die nötige Infrastruktur vorlegen, vor allem für Ladestationen, Stromverteilnetze und Strom aus erneuerbarer Energie. Denn nur mit regenerativer Energie wird Elektromobilität zum Gewinn für das Klima.

Mindestens genauso wichtig ist, dass sie die Beschäftigten unterstützt. Viele Firmen überfordert das Ausmaß an Qualifizierungen, das auf sie zukommt. Der Staat muss sie begleiten, etwa mit einem Transformations-Kurzarbeitergeld, das Beschäftigten ermöglicht, sich noch in der Arbeit beruflich neu zu orientieren. Die Vorschläge des Arbeitsministers für eine aktive Arbeitsmarktpolitik sind hier erste Puzzleteile. Eine Gesamtstrategie fehlt. Die IG Metall wird diese einfordern.