VW-Migrantenvertretung hilft Flüchtlingen

Giuseppe Gianchino (l.) und Alessandro Bartolomei (r.) von der Migrantenvertretung.
Alessandro Bartolomei (l.) und Giuseppe Gianchino (r.) von der Migrantenvertretung.
05.02.2016 | Migranten

Ein Gespräch mit Giuseppe Gianchino, Leiter der Migrantenvertretung bei Volkswagen, über Flüchtlingshilfe und die Frage, was eigentlich „Willkommenskultur“ ist.

Herr Gianchino, was genau macht die Migrantenvertretung im Werk Wolfsburg?

„Wir kümmern uns um die Belange der Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund. Dazu haben wir hier ein Koordinationsteam mit sechs Mitgliedern und darüber hinaus 50 Vertrauensleute. Diese Kollegen sind über die verschiedenen Betreuungsbereiche des Vertrauenskörpers verteilt“.

Herr Gianchino, viele Ihrer Vertrauensleute sind selbst nach Deutschland eingewandert und kennen die Situation der Flüchtlinge aus eigener Erfahrung: Welchen Beitrag leisten Sie in der Flüchtlingshilfe?

„Viele unserer Vertrauensleute sind früher selbst geflüchtet. Sie kennen die Situation und die Ängste der Menschen gut. Das sind die besten Helfer, die man sich vorstellen kann.
Eine der größten Barrieren für die Integration sind momentan noch die fehlenden Deutschkenntnisse der Flüchtlinge. Deswegen haben wir einen Aufruf gestartet. Wir suchen ehrenamtlichen Dolmetscher, die Arabisch und Französisch sprechen. Für diese Kollegen sind wir eine Anlaufstelle, die dann über Volkswagen pro Ehrenamt an Flüchtlinge vermittelt werden. Das können beispielsweise Behördengänge oder der Arztbesuch sein. Darüber hinaus gehen wir als Migrantenvertretung über unsere Vertrauensleute aktiv auf Kollegen zu, die diese Sprachen beherrschen.

Wir stehen mit Flüchtlingsheimen auch direkt in Verbindung, beispielsweise mit der Unterkunft im Wolfsburger Stadtteil Westhagen. Dort leisten die Kollegen bei Bedarf Soforthilfe. Die Vertrauensfrauen und -männer begleiten die Flüchtlinge unter anderem bei Arztbesuchen und übernehmen Fahrdienste. Das sind dann meist Ehrenamtler, die ihre Sprache sprechen. So entsteht zwischen Flüchtlingen und Helfern ein Vertrauensverhältnis. Da ist ziemlich hilfreich.

Konnten Sie bereits ehrenamtliche Dolmetscher vermitteln?

In kurzer Zeit haben sich viele Mitarbeiter bei uns gemeldet, die dolmetschen wollen. Arabisch und Französisch decken wir momentan gut ab. Wir haben heute aber 3000 Menschen aus 112 verschiedenen Nationalitäten, die bei Volkswagen in Wolfsburg arbeiten. Da ruht noch eine Menge Potential. Potential haben wir auch bei den Aufträgen, denn viele Leute wissen nicht, dass wir so viele Dolmetscher haben.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich weiß, wo gerade Bedarf ist?

Am besten direkt an die Vertrauensleute. Die geben den Kontakt dann an unsere ehrenamtlichen Dolmetscher weiter.

Wie sehen Sie vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Migrationsgeschichte das Thema Integration?

Ich bin Italiener. Da gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten mit der deutschen Kultur und auch Religion. Ich glaube, wir müssen bei den Menschen, die beispielsweise aus dem arabischen Raum nach Deutschland kommen, zunächst akzeptieren, dass sie einen anderen kulturellen Hintergrund und eine andere Religion haben. Diese Toleranz ist auch Teil der Integration. Klar ist aber auch, dass die Flüchtlinge die Werte und die Kultur in Deutschland akzeptieren und annehmen müssen.

Deutschland ist ein enorm vielfältiges Land. Die vielen Einwanderer haben dazu einen großen Beitrag geleistet.  Diese Vielfalt der Nationen und Kulturen kann man insbesondere hier in Wolfsburg gut sehen. Wenn man die kulturelle Vielfalt zu schätzen weiß und sie als Land für sich nutzt, dann ist das eine riesengroße Bereicherung für Deutschland.

Was heißt für Sie „Willkommenskultur“? 

Die Menschen müssen sich wohlfühlen. Ich darf Integration nicht nur als Zwang sehen, sondern es geht um Motivation. Um Perspektive. Die Flüchtlinge haben häufig einen starken Willen. Sie wollen es in Deutschland schaffen.  Diese Motivation müssen wir aufrechterhalten.

Auf den Behörden müssen Flüchtlinge auch als Menschen wahrgenommen werden und nicht nur als mögliche Asylbewerber mit einer Nummer. Und es dürfen ihnen keine Steine in den Weg gelegt werden.

Auf Seiten der Helfer gibt es manchmal noch Berührungsängste. Viele wissen nicht genau, auf welche Menschen sie da eigentlich treffen. Solche Ängste muss man gezielt abbauen. Am besten geht das durch die Erfahrungen, die man beim Helfen macht. Diese Erlebnisse müssen weitergetragen werden. Es sind viele Berichte von Helfern, die mir wirklich nahe gehen. Dort hörte ich viel von intensiven Momenten der Dankbarkeit, die die Ehrenamtler erleben.

 

Das Interview führte Jesko Giessen. Konzernkommunikation