75 Jahre Mitbestimmung bei VW: Ehrengäste besuchen Veranstaltung des Betriebsrats

27.11.2020

Mitbestimmt seit einem Dreivierteljahrhundert: Der Betriebsrat feiert Jubiläum.

Großer Auflauf beim Betriebsrat: Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder und die Zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, haben an der Feierstunde des Betriebsrats zum Thema 75 Jahre Mitbestimmung bei Volkswagen teilgenommen. In der neuen Veranstaltungshalle Hafen 1 mitten auf dem Werksgelände sprachen sie mit dem Konzernbetriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh und seiner Stellvertreterin Daniela Cavallo über die Geschichte des Betriebsrats und dessen künftige Arbeit. Die Veranstaltung wurde im Internet übertragen und fand wegen Corona ohne Live-Zuschauer statt. Schröder wurde von seiner Ehefrau So-yeon Schröder-Kim begleitet.

In der Festrede sagte Gerhard Schröder: „Alldiejenigen, die sagen, dass die Mitbestimmung im Betrieb und die überbetriebliche Mitbestimmung Relikte aus einer sich dem Ende zuneigenden industriellen Zeit seien, irren sich. Im Gegenteil: Sie ist die notwendige Grundlage für Modernisierung und Transformation. Und das gilt umso mehr in Zeiten, die von großen Unsicherheiten geprägt sind, etwa durch den um sich greifenden Protektionismus, die aktuelle Corona-Pandemie oder die tiefgreifenden Veränderungen der Automobilindustrie.“

Der Konzernbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh betonte: „Unser Betriebsrat feiert heute nicht sein Alter, sondern seine Erfahrung und seine Stärke als Gremium. Gerade unsere Geschichte zeigt immer wieder: Krisen werden bei Volkswagen nicht kurzfristig auf Kosten der Kolleginnen und Kollegen ausgetragen. Abkommen wie unser Zukunftspakt, aber auch die vergangenen Planungsrunden für die Investitionsvorhaben des Unternehmens beweisen: Hier bei uns geht es immer um nachhaltige Konzepte gleichermaßen für Beschäftigungssicherung und Wirtschaftlichkeit. Davon profitieren letzten Endes alle Seiten. Das wird uns auch in den kommenden Jahren gelingen. Und solange das VW-Gesetz, unser hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad und vor allem der enorme Rückhalt unserer Belegschaft weiter hinter unserer Arbeit als Betriebsrat stehen, wird das auch noch die nächsten 75 Jahre so bleiben.“

Osterlohs Stellvertreterin Daniela Cavallo versprach der Belegschaft in ihrer Begrüßungsrede: „Unser Betriebsrat bleibt stark. Und er bleibt erfolgreich. Betriebsrätinnen und Betriebsräte bleiben Eure Vertretung. Sie bleiben die starken Stimmen für Eure Ideen und für Eure Situation. Eure Mitbestimmung sorgt weiter für Augenhöhe. Augenhöhe zu wem und zu was auch immer da kommen mag.“

In einer Gesprächsrunde thematisierten Bernd Osterloh, Konzern-Personalvorstand Gunnar Kilian, die Zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, und der frühere Chefhistoriker des VW-Konzerns, Prof. Manfred Grieger, die entscheidenden Weichenstellungen für das heutige Selbstverständnis des Betriebsrates. Der Ausblick der Talkrunde: Neben den großen Transformationsthemen der Branche wie Elektroantriebe, Digitalisierung und veränderte Mobilitätsansprüche gewinnen folgende Felder noch mehr an Bedeutung: Qualifikation und lebenslanges Lernen, Arbeitgeberattraktivität und Nachhaltigkeitsziele, Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, Teamstrukturen, Kommunikation, neue Produktcluster, politische Großprojekte wie der Green Deal und nicht zuletzt der Kampf gegen Populismus.

Der Festakt in der Veranstaltungshalle Hafen 1 im Werk Wolfsburg wurde digital übertragen. Genutzt wurde dabei der Rahmen einer Sitzung des Welt-Konzernbetriebsrates. Zu der hatten sich etwa 120 Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter aus der gesamten Volkswagen-Welt zusammengeschaltet. Simultandolmetscher übersetzten in 13 Sprachen. Den in die Sitzung integrierten Festakt mit der Festrede des Ehrengastes Gerhard Schröder konnten auch die Beschäftigten online über einen öffentlich zugänglichen Live-Stream verfolgen.

Folgende Grußbotschaften haben den Betriebsrat zum Jubiläum erreicht:

Hans Dieter Pötsch, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Volkswagen AG:

„Volkswagen ist vieles. Zum Beispiel Symbol des Wirtschaftswunders. Oder auch ein global erfolgreich agierender Automobilhersteller mit einer Vielzahl an Produkten, die Geschichte und Geschichten geschrieben haben und weiter werden. Und auch ein Unternehmen, in dem sich nachhaltige Rendite und nachhaltige Beschäftigung nicht ausschließen. 75 Jahre Betriebsrat bei Volkswagen stehen dafür. Und auf dem „Volkswagen-Weg" waren es immer wieder Meilensteine, die dies unterstrichen haben. So beispielsweise als Volkswagen 1960 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. 60 Prozent des Kapitals wurden als Volksaktien überwiegend an Kleinaktionäre abgegeben. Um die Gemeinwohlorientierung aufrechtzuerhalten, hielt das Volkswagen-Gesetz unter anderem fest, dass die Errichtung oder Verlagerung von Produktionsstätten nur mit einer Zweidrittelmehrheit im Aufsichtsrat möglich sein soll. Die paritätische Mitbestimmung im Aufsichtsrat habe ich in meiner Zeit bei Volkswagen, als Finanzvorstand und natürlich vor allem als Aufsichtsratsvorsitzender, als Bereicherung empfunden. Und genau das ist sie auch. Sie ist ein wichtiger Teil der Volkswagen Kultur und des nachhaltigen Erfolgs des Konzerns. Und sie wird wie bisher schon auch künftig ein Wettbewerbsvorteil sein."

Dr. Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG:

„Bei Volkswagen hat die Mitbestimmung eine lange Tradition und mehr Einfluss als in jedem anderen großen Unternehmen in Deutschland. Daraus ergibt sich für den anstehenden Wandel eine herausragende Verantwortung. Durch die Mehrheitsverhältnisse bei Volkswagen spielen das Land Niedersachsen zusammen mit der Mitbestimmung eine besonders wichtige Rolle für wesentliche Richtungsentscheide – das gilt auch für die Besetzung von Spitzenpositionen. In den nächsten Jahren müssen wir mutige Entscheidungen treffen, um den Fortbestand von Volkswagen mit über 600.000 Arbeitsplätzen abzusichern. Mit dem Zukunftspakt der Marke Volkswagen, dem Umbau der Komponentenstandorte, dem Umbau von Werken auf E-Mobilität oder dem Ausbau der Softwarekompetenz in der CarSoftware Organisation haben die Vertreter der Mitbestimmung bereits wichtige Weichenstellungen zur Zukunftssicherung ihrer jeweiligen Standorte vorgenommen. Effizienzsteigerungen sind notwendig und für den Fortbestand von Unternehmen nicht zu unterschätzen, wie viele Beispiele immer wieder beweisen. Hier haben wir bei Volkswagen noch Nachholbedarf. Ich wünsche den Vertretern der Mitbestimmung eine glückliche Hand."

Gunnar Kilian, Arbeitsdirektor und Konzernvorstandsmitglied, Bereiche Personal und Truck & Bus

„Die Mitbestimmung bei Volkswagen ist beides: ein demokratiepolitisches und ein betriebswirtschaftliches Instrument. Demokratiepolitisch ist unsere Mitbestimmung wichtig, weil sie 670.000 Menschen weltweit Mitsprache und Mitwirkung am Arbeitsplatz sichert und so das universelle Demokratie-Prinzip in die Welt der Arbeit trägt. Betriebswirtschaftlich ist Mitbestimmung bedeutsam, weil die Verhandlungspartner die jeweiligen Standpunkte klar kommunizieren und nach einem erzielten Abschluss auf beiden Seiten die nötigen Mittel haben, um die vereinbarte Lösung verbindlich umzusetzen. Mitbestimmung senkt also unsere Transaktionskosten, erhöht die Verbindlichkeit getroffener Entscheidungen und sorgt am Ende des Tages dafür, dass wir alle an einem Strang ziehen. Das bewährt sich insbesondere in so herausfordernden Zeiten wie diesen, in denen die weltweite Pandemie nach Einigkeit verlangt. Deswegen sagt Volkswagen seit 75 Jahren ja zur Mitbestimmung."

Ralf Brandstätter, Vorsitzender (CEO) der Marke Volkswagen Pkw

„Volkswagen steht nicht nur für Wirtschaftlichkeit, sondern auch für soziale Verantwortung. Die Mitbestimmung hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Menschen in ganz Deutschland, aber insbesondere auch bei Volkswagen, unter sehr guten Bedingungen arbeiten können. Die Tarifverträge und auch die Beschäftigungssicherung bis 2029 unterstreichen, dass sowohl die Arbeitnehmerseite als auch das Unternehmen ihre Verantwortung für die Menschen bei Volkswagen sehr ernst nehmen. Jetzt geht es vor allem darum, die Zukunft zu sichern. Die Automobilindustrie steht vor großen Aufgaben. Der Umstieg auf die Elektromobilität, die schneller voranschreitende Digitalisierung und vor allem der Weg zu einem CO2-freien Unternehmen erfordern Fokus und Konsequenz. Ich bin zuversichtlich, dass wir Volkswagen erfolgreich durch diese Transformation führen – und zwar gemeinsam."

Stephan Weil, Ministerpräsident Niedersachsen

„Es ist wirklich eine stolze Bilanz, die Ihr zu diesem Jubiläum ziehen könnt. Und es ist gleichzeitig die Grundlage für ein gesundes Selbstbewusstsein, mit dem Ihr, mit dem wir gemeinsam die nächsten Aufgaben angehen müssen: den Wechsel der Antriebstechnologien! Der Umstieg auf Elektromobilität erfolgt offenbar noch deutlich schneller und dynamischer, als wir das vor einigen Jahren angenommen hatten. Auch die grundlegenden Veränderungen, die mit der Digitalisierung verbunden sind, werden am Ende im gesamten Konzern zu spüren sein. Es sind dicke Bretter zu bohren, jetzt und auch in der Zukunft. Als Vertreter des Landes Niedersachsen möchte ich sagen, dass wir größten Wert darauf legen, mit den Vertreterinnen und Vertretern der Beschäftigten bei Volkswagen gerade auch in diesen Fragen in den nächsten Jahren eng zusammenzuarbeiten. Wir haben die gleichen Interessen. Wir wollen ein erfolgreiches Unternehmen. Wir wollen ein Unternehmen, auf das wir miteinander stolz sein können – und ein Unternehmen, das sichere Arbeitsplätze zu guten Bedingungen anbietet, ein Unternehmen, in dem die Beschäftigten gerne tätig sind."

Unter diesem Link ist eine Aufzeichnung der Veranstaltung zu sehen.

Leuchtturm für die Mitbestimmung: Der VW-Betriebsrat blickt nach 75 Jahren bewegter Geschichte in die Zukunft | Beginn: 12 Uhr (movingimage.com)