Bernd Osterloh gibt alle Funktionen ab, Daniela Cavallo übernimmt sie

23.04.2021

Nach 16 Jahren an der Spitze des Gesamt- und Konzernbetriebsrates leitet Bernd Osterloh einen Generationenwechsel ein.

Folgende Pressemitteilung hat es heute zu der Personalentscheidung gegeben. Nach der Mitteilung ist außerdem Bernds Brief an die Belegschaft dokumentiert.

Wechsel an den Spitzen des Betriebsrates bei Volkswagen:
Osterloh gibt alle Funktionen ab, Cavallo übernimmt sie

  • Osterloh: „Gestalten Staffelübergabe klar und rechtzeitig vor dem Superwahljahr 2022“
  • Cavallo: „Gerade dieser Wechsel zeigt: Wir stehen für Kontinuität und Berechenbarkeit“
  • Cavallo soll auch Osterlohs Funktion im Aufsichtsrat der Volkswagen AG übernehmen
  • Nach 16 Jahren Betriebsratsvorsitz wechselt Osterloh in den TRATON-Vorstand

Wolfsburg - Generationenwechsel an der Spitze der Arbeitnehmervertretung von Volkswagen: Nach 16 Jahren als Vorsitzender des Gesamt- und Konzernbetriebsrates hat sich Bernd Osterloh entschieden, aufzuhören. Die Aufgaben des 64-Jährigen übernimmt seine bisherige Stellvertreterin Daniela Cavallo (46). Dafür haben die zuständigen Gremien bereits alle nötigen Weichenstellungen getroffen. Die Staffelübergabe an der Betriebsratsspitze erfolgt deutlich vor dem Beginn des Superwahljahrs 2022. Nächstes Jahr fallen für die Arbeitnehmerseite bei Volkswagen die Betriebsratswahl und die Aufsichtsratswahl erstmals seit 20 Jahren wieder zusammen.

Bernd Osterloh sagte am Freitag: „All die Jahre stand ich mit meiner Arbeit für einen klaren Kurs und unmissverständliche Ansagen. Dabei habe ich nie falsche Rücksicht auf Personen genommen. Und exakt so halte ich es jetzt auch mit mir selber zum Ende meiner Amtszeit. Daniela Cavallo hat als meine Stellvertreterin zweieinhalb Jahre hervorragende Arbeit geleistet. Sie ist führungsstark, empathisch und so strategisch denkend, dass sich viele noch wundern werden. Daniela bringt genau zur richtigen Zeit alles mit, um im Team mit unseren starken Gremien die Belange der Beschäftigten weiterhin wie gewohnt durchzusetzen und die Transformation aktiv zu gestalten. Meine Staffelübergabe erfolgt somit früh genug und eindeutig. Exakt so habe ich mir das immer gewünscht. Aber ich gebe auch zu: Ich habe in den vergangenen Wochen intensiv nachgedacht, denn nach all den Jahren fällt mir dieser endgültige Schritt natürlich nicht leicht. Umso dankbarer bin ich, dass die Vorzeichen wie erwartet stimmen. Ich weiß hier alles in besten Händen. Daher ist es jetzt an der Zeit.“

Osterlohs Nachfolgerin Daniela Cavallo sagte: „Die Volkswagen-Familie hat Bernd Osterloh enorm viel zu verdanken. Er hat 16 Jahre lang an vorderster Stelle unsere Mitbestimmung verkörpert. An seine Leistungen anzuknüpfen, ist jetzt meine Verpflichtung. Wir wollen unseren großen Erfolg der vergangenen Jahre fortsetzen und dafür werden wir uns 2022 erneut ein starkes Mandat aus unserer Belegschaft erarbeiten. Die Herausforderungen bei der Transformation unseres Unternehmens und in unserer Industrie bleiben groß. Umso dankbarer bin ich, dass unsere Gremien und auch Bernd so großes Vertrauen in mich setzen. Mit dem Zeitpunkt und Ablauf dieses Wechsels an unserer Spitze beweisen wir Verlässlichkeit: Wir stehen damit für Kontinuität und Berechenbarkeit.“

Während Osterlohs Überlegungen in den vergangenen Wochen spielte es auch eine Rolle, dass die Unternehmensseite an ihn mit dem Angebot herangetreten war, bei der TRATON SE die vakante Position des Vorstandsmitglieds für den Bereich Personal zu übernehmen. Am heutigen Freitag teilte der Nutzfahrzeughersteller mit, dass Bernd Osterloh den Vorstandsposten zum 1. Mai 2021 antreten wird. Osterloh dazu: „Die TRATON SE spielt eine Schlüsselrolle in der Strategie des Volkswagen-Konzerns für die kommenden Jahre. Ich gehe dort demnächst in die direkte operative Personalverantwortung für weltweit fast 100.000 Beschäftigte. Diese Aufgabe reizt mich. Ich will noch einmal unternehmerisch gestalten und in den nächsten Jahren ganz konkret mit meiner Arbeit im Vorstand dazu beitragen, dass die TRATON SE ihren Weg zu einem ‚Global Champion‘ in der Nutzfahrzeugbranche erfolgreich meistert.“

Die Staffelübergabe zwischen Osterloh und Cavallo fällt wenige Wochen vor den ersten zentralen Weichenstellungen für das Superwahljahr 2022. Die Beschäftigten wählen alle vier Jahre ihren neuen Betriebsrat und alle fünf Jahre ihre Vertretung auf der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat. Nächstes Jahr fallen die beiden Wahlen nach zwei Jahrzehnten wieder zusammen. Im Mai dieses Jahres nominiert die IG Metall ihre Liste für die Aufsichtsratswahl 2022. Bereits jetzt steht fest, dass Daniela Cavallo so schnell wie möglich auch das Mandat von Bernd Osterloh im Aufsichtsrat und im Präsidium der Volkswagen AG übernehmen wird. Nötige Schritte für ihre Bestellung über das Registergericht sind bereits eingeleitet. Cavallo soll dann 2022 auch die IG Metall-Liste zur Aufsichtsratswahl als Spitzenkandidatin der Belegschaft anführen, zusammen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrats Jörg Hofmann, der die drei gewerkschaftlichen Mandate anführt. Außerdem haben sich die geschäftsführenden Gremien des Gesamt- und Konzernbetriebsrates für Daniela Cavallo als ihre neue Vorsitzende ausgesprochen. Auch die IG Metall-Fraktion in Wolfsburg votierte entsprechend. In Volkswagens Europäischem- und Weltkonzernbetriebsrat soll die Entscheidung zeitnah fallen.

Bernd Osterloh wird diesen September 65. Er ist seit 44 Jahren bei Volkswagen und seit 1982 gewählter Belegschaftsvertreter. Als 49-Jähriger übernahm Osterloh 2005 den Vorsitz an den Spitzen des Betriebsrates, als ein Skandal um seinen Vorgänger die Mitbestimmung erschütterte. Neben dem Neuanfang galt es damals gleich zu Beginn seiner Amtszeit, den 2006 greifenden Zukunftstarifvertrag auszugestalten (Abschaffung der 1994 eingeführten Vier-Tage-Woche). Weitere Wegmarken der Ära Osterloh waren der Kampf gegen den Übernahmeversuch durch Porsche und für das VW-Gesetz, die Finanz- und Wirtschaftskrise, Dieselgate, der Zukunftspakt, die Aufstellung der deutschen Standorte für die E-Mobilität, die Roadmap Digitale Transformation und aktuell die Bewältigung der Corona-Krise. Osterloh ist in Braunschweig geboren, lebt seit 1989 in Wolfsburg und hat vier Kinder.

Mit Daniela Cavallo steht in Deutschlands größtem Industriekonzern mit seinen allein hierzulande fast 300.000 Beschäftigten erstmals eine Frau an der Spitze der Arbeitnehmervertretung. Cavallo, Jahrgang 1975, machte 1994 Abitur und begann im selben Jahr eine kaufmännische Ausbildung bei VW. Während ihrer Lehre war sie Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung, danach auch in der Vertrauenskörperleitung. Anfangs arbeitete Cavallo in der Berufsausbildung der damaligen VW Coaching. Berufsbegleitend qualifizierte sie sich zur Betriebswirtin. 2002 wurde sie erstmals in den Betriebsrat gewählt – zunächst zuständig für die Auto 5000 GmbH. 2004 und 2008 unterbrach sie als damals erste Betriebsrätin ihre Tätigkeit für eine Elternzeit. Seit 2010 war Cavallo als Betriebsrätin zuständig für den Personalbereich und Organisationsentwicklung sowie Themen rund um Personalkonzepte und -entwicklung. Ab 2013 leitete sie im geschäftsführenden Betriebsausschuss einen Bereich mit etwa 7000 Beschäftigten. Zum Jahresanfang 2019 übernahm Cavallo Osterlohs Stellvertretung in Wolfsburg sowie dem Gesamt- und Konzernbetriebsrat. Daniela Cavallo ist geboren in Wolfsburg und Italienerin. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei gemeinsamen Kindern in Wolfsburg.

Als Daniela Cavallos Stellvertreter in Wolfsburg sowie im Gesamtbetriebsrat ist Guido Mehlhop vorgesehen. Der 55-Jährige ist seit 2009 Mitglied des Betriebsausschusses sowie Vorsitzender des Ausschusses für Tariffragen, auch auf Ebene des Gesamtbetriebsrates. Im VW-Konzernbetriebsrat bleibt Audis Gesamtbetriebsratsvorsitzender Peter Mosch Stellvertreter. Über eine weitere Stellvertretung wird demnächst entschieden.

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Volkswagen-Familie,

seit einigen Tagen bin ich seit 44 Jahren bei Volkswagen. Seit 1982 bin ich gewählter Vertreter der Belegschaft, zunächst als Vertrauensmann, später als Betriebsrat. Seit 2005 habe ich Eure Interessen als Vorsitzender im Gesamt- und Konzernbetriebsrat sowie als Präsident des Europäischen- und Weltkonzernbetriebsrats vertreten. Jetzt höre ich in diesen Funktionen auf. Ich weiß, das überrascht. Mit diesem Schreiben erkläre ich die Gründe.

In Politik und Wirtschaft lässt sich regelmäßig beobachten, dass Generationenwechsel nicht richtig funktionieren. Sie laufen zu spät an, sorgen für Streit und richten oft bleibenden Schaden an. Für meine Staffelübergabe habe ich mir immer das Gegenteil gewünscht: rechtzeitig und nachhaltig.

Die vergangenen 16 Jahre an der Spitze der Arbeitnehmervertretung bei Volkswagen haben mir und meinen Kolleginnen und Kollegen alles abverlangt. Nach dem Skandal um meinen Vorgänger habe ich 2005 die Führung unserer Gremien quasi über Nacht übernehmen müssen. Der Schaden für das Ansehen unserer Mitbestimmung war gewaltig, die Erwartung an mich entsprechend groß. Auch das Unternehmen steckte damals in schwierigen Zeiten. Mit dem Zukunftstarifvertrag ist es uns 2006 trotzdem gelungen, Veränderungen sozialverträglich zu gestalten. Beschäftigungssicherung und Wirtschaftlichkeit als gleichrangige Unternehmensziele – das haben wir all die Jahre erfolgreich verwirklicht. Dabei war ich die ganze Zeit eigentlich immer im Krisenmodus: Übernahmeversuch durch Porsche, Kampf ums VW-Gesetz, Finanz- und Wirtschaftskrise, Dieselgate, Zukunftspakt, die Aufstellung unserer deutschen Standorte für die E-Mobilität, unsere Roadmap und zuletzt Corona.

Bei all dem war ich nie amtsmüde. Auch nicht, als vor einigen Wochen für mich eine ganz wichtige persönliche Entscheidung anstand. Wir blicken auf das Superwahljahr 2022. Denn dann wählt Ihr, Kolleginnen und Kollegen, Eure neuen Betriebsräte. Und es geht nächsten Frühling auch darum, Eure Vertreterinnen und Vertreter im Aufsichtsrat der Volkswagen AG zu bestimmen. Die IG Metall wird in den nächsten Wochen die Kandidatinnen und Kandidaten für die Wahlliste zum Aufsichtsrat nominieren. Ich musste mich jetzt also endgültig entscheiden, ob ich noch einmal antrete.

All die Jahre stand ich mit meiner Arbeit für einen klaren Kurs und für unmissverständliche Ansagen. Dabei habe ich nie falsche Rücksicht auf Personen genommen. Und exakt so halte ich es jetzt auch mit mir selber zum Ende meiner Amtszeit. Daniela Cavallo hat als meine Stellvertreterin zweieinhalb Jahre hervorragende Arbeit geleistet. Sie ist führungsstark, empathisch und so strategisch denkend, dass sich viele noch wundern werden. Daniela bringt genau zur richtigen Zeit alles mit, um im Team mit unseren starken Gremien Eure Belange als Beschäftigte weiter wie gewohnt durchzusetzen und die Transformation aktiv zu gestalten. Ich habe gerade auch in letzter Zeit wieder oft mit Zufriedenheit festgestellt: Unser Motto „gemeinsam unschlagbar“ hängt nicht an meiner Person.

In den vergangenen Wochen habe ich dann meine Entscheidung getroffen und einen ersten kleinen Kreis Vertrauter eingeweiht: Es gibt jetzt einen klaren Schnitt, keinen Abschied auf Raten. Meine Staffelübergabe erfolgt somit früh genug und eindeutig. Exakt so habe ich mir das immer gewünscht. Aber ich gebe auch zu: Ich habe intensiv nachgedacht. Denn nach all den Jahren fällt mir dieser endgültige Schritt natürlich nicht leicht. Umso dankbarer bin ich, dass die Vorzeichen wie erwartet stimmen. Ich weiß hier alles in besten Händen. Daher ist es jetzt an der Zeit. Diesen Moment muss man erkennen können. Das braucht Instinkt und Menschenkenntnis in eigener Sache. Ich meine, mir ist das gelungen. Vor allem aber habe ich bei meiner Nachfolgerin ein sicheres Gefühl.

Viele von Euch haben mich in den vergangenen Monaten angesprochen und gesagt: „Bernd, Du musst hier noch viele Jahre weitermachen! Bitte bleib uns möglichst lange erhalten!“ Auch aus den Gremien hatte ich immer wieder diese Rückmeldungen: „Bernd, Du bist der Mister Mitbestimmung. Weiter so!“ Solche Wertschätzungen haben mich immer gefreut, ist doch ganz klar. Aber ich konnte schon immer gut trennen zwischen Person und Amt.

Meine Macht war immer unsere Macht. Sie war immer nur geliehen. Die starke Mitbestimmung bei Volkswagen hängt nun wirklich nicht an mir allein. Sie hängt an unserem hohen Organisationgrad, an herausragenden Wahlergebnissen der IG Metall, an unserer starken Stellung im Aufsichtsrat und in erster Linie am Einsatz hunderter Betriebsrätinnen und Betriebsräte und tausender Vertrauensleute.

Während meiner Überlegungen in den vergangenen Wochen spielte es auch eine Rolle, dass die Unternehmensseite an mich mit dem Angebot herangetreten war, bei der TRATON SE die vakante Position des Vorstandsmitglieds für den Bereich Personal zu übernehmen. Auch darüber habe ich lange nachgedacht. Wie Ihr wisst, hatte ich in der Vergangenheit mehrere Angebote, Positionen in den Vorständen der Marken oder auch im Konzernvorstand zu übernehmen. Gereizt hat mich das immer. Gemacht habe ich es nie. Weil mein Platz an der Spitze der Belegschaft war. Das ist nun anders.

Ich habe mich daher entschieden, noch einmal für diese neue Aufgabe zur Verfügung zu stehen. Ich werde diese Funktion ab Mai übernehmen. Die TRATON SE spielt eine Schlüsselrolle in der Strategie des VW-Konzerns für die kommenden Jahre. Ich gehe dort demnächst in die direkte operative Personalverantwortung für weltweit fast 100.000 Beschäftigte. Diese Aufgabe reizt mich. Ich will noch einmal unternehmerisch gestalten und in den nächsten Jahren ganz konkret mit meiner Arbeit im Vorstand dazu beitragen, dass die TRATON SE ihren Weg zu einem ‚Global Champion‘ in der Nutzfahrzeugbranche erfolgreich meistert. Ich freue mich schon heute auf meinen Start in München.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ein anderer Gang wird für mich viel schwerer: Ich verlasse heute mein Büro an der Südstraße im Werk Wolfsburg an meinem letzten Tag als Vorsitzender der Arbeitnehmervertretung. Es sind 44 Jahre und elf Tage. Und natürlich werde ich einen Kloß im Hals haben. Der Einsatz für unser Unternehmen und für Eure Interessen als beste Belegschaft der Welt ist ein zentraler Inhalt meines Lebens und bleibt als solcher immer ein Teil von mir. Meine Bilanz ist rundum positiv.

Ich danke Euch allen für Eure Unterstützung und Euer Vertrauen.

Ja, ich habe viel geopfert. Aber nein, ich habe nie gezweifelt, dass es das immer wert war.

Macht es gut!

Euer
Bernd Osterloh