Osterloh: Wenn ich deutlich werden muss, kann ich das auch aus der Quarantäne

Selfie aus der Quarantäne: Bernd mit seinen Handys daheim.
19.01.2021

Nach seinem positiven Test auf das Corona-Virus ist der Betriebsratsvorsitzende seit knapp einer Woche zuhause. Symptome hat er nach wie vor keine. Seine Arbeit erledigt Bernd von daheim, aus dem ersten Stock isoliert vom Rest der Familie. Für dieses Interview meldete er sich per Videokonferenz aus seinem improvisierten Wohn- und Bürozimmer. Das Gespräch erschien zuerst im VW-internen Intranet "360°-Net".

Bernd, das Wichtigste vorab: Wie geht es Dir?
Erstaunlich gut. Ich habe offenbar echt Glück gehabt. Symptome merke ich bisher immer noch keine. Was mir auffällt ist, dass ich nachts ein bisschen länger schlafe als üblich. Aber tagsüber fühle ich mich nicht müder als sonst. Trotzdem nehme ich die Sache nicht auf die leichte Schulter. Ein Bekannter von mir, den haben sie vor Weihnachten positiv getestet, der hatte zehn Tage lang keine Symptome und dann hat es ihn richtig umgehauen. Zum Glück ist er jetzt wieder wohlauf.

Wie kommst Du klar mit der Quarantäne?
Das ist echt nicht so einfach. Ich habe in meiner VW-internen Videobotschaft zum Jahreswechsel betont, dass ich aus gutem Grund eigentlich jeden Tag im Werk bin. Die Kolleginnen und Kollegen in der Produktion können ihre Arbeit nun einmal nicht mobil von zuhause aus erledigen. Und unsere dortigen Betriebsratsmitglieder sind daher natürlich auch weiter vor Ort. Das geht im direkten Bereich nicht anders. Generell lässt sich Betriebsratsarbeit, gerade in der Betreuung von Kolleginnen und Kollegen, nicht ausschließlich per Telefon oder Videoschalte erledigen. Wir unterstützen und diskutieren immer wieder über die Umsetzung der Corona-Maßnahmen und Verhaltensregeln, denn es gilt, für alle ein möglichst sicheres Arbeitsumfeld zu garantieren. Dies ist gerade auch in der Produktion unser oberstes Anliegen. In diesem Rahmen und unter Einhaltung der Verhaltensregeln kann und muss der Betriebsrat auch physisch Präsenz zeigen. Das gilt dann bald auch wieder für mich: Wenn es weiter gut läuft, habe auch ich Ende Januar wieder Termine im Werk.

Hast Du eine Ahnung, wie Du Dich angesteckt hast?
Das weiß ich inzwischen mit ziemlicher Sicherheit. Ich habe mich höchstwahrscheinlich im privaten Umfeld angesteckt. Bei jemandem, der infiziert war, aber keine Symptome spürte und gerade dann ansteckend war, als ich ihm begegnete und wir länger zusammen in einem Raum waren.

Also eigentlich ein Verlauf wie bei Dir. Was schließt Du daraus?
Dass es trügerisch ist und man trotz Beschwerdefreiheit andere anstecken kann. Das ist eine Gefahr, die man nicht unterschätzen sollte. Das muss uns allen klar sein, besonders auch den jungen, fitten Leuten, bei denen Corona ja laut Statistik oft einen solchen Verlauf nimmt, von dem man nicht viel mitbekommt. Umso wichtiger ist es, den Empfehlungen bei Volkswagen aber genauso im privaten Umfeld zu folgen. Die Regeln, Abstand, Hygiene, Masken und Lüften sind einfach wichtig, macht das alle!

Wie läuft Dein Alltag ab in der Quarantäne?
Im ersten Stock auf etwa zehn Quadratmetern, getrennt von der Familie – und ich habe nur das Wichtigste mitgenommen. Ich habe das Glück, ein Bad für mich nutzen zu können. Meine Familie sehe ich nur über FaceTime. Lustig ist das alles nicht. Aber man muss immer dran denken, wie schlecht es anderen geht, bei denen COVID-19 richtig ausbricht. Mein verlängertes Büro läuft jetzt hier über Laptop, Tablet und meine Handys. Zusammen mit meinen Teams geht das alles irgendwie. Von der Betriebsausschusssitzung bis zur Vorstandssitzung der IG Metall läuft sowieso bereits seit Monaten alles online. Aber ich freue mich jetzt schon auf den Tag, die Quarantäne los zu sein.

Mal weg von Corona, welche Themen sind denn für Dich derzeit am wichtigsten?
Es gibt ja aktuell praktisch nichts, was nicht irgendwie mit Corona zu tun hat. Die Halbleiter, die uns fehlen, sind auch eine Folge von Corona, wenn auch nur indirekt. Unsere großen Zulieferer haben unterschätzt, wie schnell die Automobilindustrie zurückkam – und jetzt kriegen sie nicht genug Halbleiter und wir damit unsere Steuergeräte nicht. Und das, obwohl wir beim Golf einen riesigen Auftragsbestand haben. Das Problem wird uns noch beschäftigen und könnte auch noch weiter Kurzarbeit auslösen. Und dann ist es natürlich wichtig, wie die Corona-Fallzahlen weiter verlaufen. Ich hoffe, wir finden uns alle schnell im Frühling wieder, mit weniger Ansteckungen und steuern auf einen Sommer zu, in dem wir überall mit dem Impfstoff so weit sind.

Stichwort Falschnachrichten. Der Betriebsrat bekam es damit gerade mal wieder zu tun.
Ja, die Sprachnachricht auf WhatsApp über den angeblichen Mega-Lockdown, dem wir als Betriebsrat bei VW schon zugestimmt hätten. Das hat uns echt ein paar Nerven gekostet. Aber klarer, als ich es über unsere Kommunikation schon ausrichten ließ, kann ich auch hier wohl nicht werden: Das sind Fake News. Nichts davon ist wahr. Es handelt sich um ein völlig frei erfundenes Gerücht, oder um es noch klarer zu sagen: um eine zwei Minuten lange Scheißhausparole.

Bernd, danke für das Interview. Wir hoffen, dass Du da zuhause keinen Lagerkoller kriegst.
Ach danke, ich komme schon klar. Aber Ihr kennt mich ja: Wenn ich bei ein paar Dingen deutlich werden muss, dann kann ich das auch aus der Quarantäne.