Daniela verspricht bei Rieseberg-Gedenken klare Kante gegen Populisten

04.07.2021

Gewerkschaften erinnern an erste Opfer der Nazis vor fast 90 Jahren

Mit klaren Worten gegen rechte Hetze hat sich Daniela Cavallo beim Gedenken an die Rieseberg-Morde zu Wort gemeldet. Die Konzernbetriebsratsvorsitzende hielt bei der Feierstunde am 4. Juli die Hauptrede. Über das Gedenken an die ersten Morde der Nazis vor knapp 90 Jahren im Braunschweiger Land sagte sie:

„Versammelt sind wir hier und heute dafür nicht als Gewerkschafter, Betriebsratsmitglieder oder Parteipolitiker. Sondern als Demokratinnen und Demokraten. Denn wenn Minderheiten in Bedrängnis geraten, müssen wir ihnen gemeinsam beistehen. Wenn jemand die Grenzen des Sagbaren verschiebt, müssen wir unsere Stimme erheben und unmissverständlich klarmachen, dass das nicht geht.“

Ein bewegender Moment zum Ende der Veranstaltung war es, als die rund 200 Anwesenden gemeinsam das Lied 'Die Moorsoldaten' sangen (Link). Der Titel wurde 1933 von Häftlingen in dem KZ Börgermoor bei Papenburg geschrieben.

Den Rieseberg-Morden fielen 1933 elf Menschen zum Opfer - darunter Gewerkschafter und Betriebsräte. Sie wurden von Angehörigen der SS am 4. Juli 1933 in der Nähe des kleinen Ortes Rieseberg bei Königslutter am Elm aufs Schwerste misshandelt und schließlich erschossen und verscharrt.

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Hier könnt Ihr Danielas Rede-Manuskript nachlesen:

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Anwesenden, liebe Gäste,

ich möchte meine Rede mit einem Zitat beginnen. Es ist fast 90 Jahre alt und stammt von einer Titelseite der „Berliner Morgenpost“. Es lautet:

„Durch die Nationalsozialistische Revolution gibt es außerhalb
der NSDAP keine politische Wirkungsmöglichkeit mehr.“

Das steht in einem Artikel über die Auflösung der Bayerischen Volkspartei. Sie war in den 1920er Jahren und auch noch Anfang der 30er Jahre die stärkste politische Kraft in Bayern. Und dann kam die Gleichschaltung durch die Nazis. Die Bayerische Volkspartei musste sich selber abschaffen. Das geschah am 4. Juli 1933. Heute auf den Tag genau vor 88 Jahren.

Und einen Tag später, am 5. Juli 1933, berichtete darüber die „Berliner Morgenpost“. Dort heißt es weiter in dem Artikel, dass es den bisherigen Mitgliedern der Bayerischen Volkspartei freistünde … ich zitiere wieder:

„unter der unmittelbaren Führung Adolf Hitlers
am Aufbau des neuen Deutschlands mitzuwirken“.

Wie dieses neue Deutschland ausschauen sollte, das haben die Menschen hier in unserer Region auch an eben diesem 4. Juli 1933 erlebt. Elf Männer bezahlten dafür mit ihrem Leben. Die Nazis haben sie ermordet.

Ihre Namen dürfen wir nicht vergessen. Dafür sorgt dieses Gedenken jeden Juli, mit dem die Morde ein Jahr länger zurückliegen. Die Namen lauten:

Hermann Behme, ein Dreher, parteipolitisch aktiv und ein Betriebsratsvorsitzender.

Julius Bley, ein Chemigraf und parteipolitisch aktiv.

Hans Grimminger, ein Schlosser und parteipolitisch aktiv.

Kurt Heinemann, ein Schneider, parteipolitisch aktiv und Jude.

Reinhold Liesegang, ein Schweißer, Gewerkschafter und parteipolitisch aktiv.

Wilhelm Ludwig, Arbeiter und parteipolitisch aktiv.

Walter Römling, Arbeiter, Betriebsrat und parteipolitisch aktiv.

Gustav Schmidt, Student und Mitbegründer einer Sozialistischen Studentengruppe.

Alfred Staats, Angestellter und parteipolitisch aktiv.

Willi Steinfass, Arbeiter und parteipolitisch aktiv.

Und vermutlich, als Elfter unter den Ermordeten:

Kurt Hirsch, ein Student.

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

diese elf Menschen sind am 4. Juli aufs Schwerste misshandelt worden. Mehrere Stunden lang. Dann hat man sie erschossen und verscharrt. 

Diese elf Männer hatten eines gemeinsam: Sie waren politisch engagiert. In der KPD meist, in der Gewerkschaft, im Betriebsrat oder in linken Studentengruppen.

Sie alle vertraten eine gefestigte, politische Meinung. Sie hatten Haltung. Sie waren damals in der Opposition – gegen die sich Bahn brechende NS-Diktatur. Die Jüngsten unter den elf Ermordeten waren Anfang 20.

Die Nazis, konkret die Braunschweiger NS-Führung, wollte an diesen elf Männern ein Exempel statuieren. Dafür schob man ihnen den Tod eines SS-Mannes in die Schuhe, den die Nazis versehentlich selber erschossen hatten.

Vorangegangen war eine Verhaftungswelle gegen die „üblichen Verdächtigen“. Die Razzien und Festnahmen hier im Braunschweiger Land trafen Gewerkschafter, Mitglieder von Arbeiterparteien und so weiter.

Es gibt viele Zeugen für das, was damals passierte und zu den Rieseberg-Morden führte. Einer der Zeugen hieß Paul Wunder. Er erinnerte sich:

„In einem Raum hatten sie ein Tribunal gebildet. (…) Bei dem Tribunal war einer dabei, Sturmführer Klages, der hat die Leute gefragt: welche Partei und wie lange und welche Funktion? Dann hieß es nur noch „links raus“ und „rechts raus“. Wer links rauskam, wurde von den SA-Leuten wieder zurückgeführt, wer rechts rauskam, musste bleiben. So haben sie zwölf Mann ausgesucht. Die kamen nicht wieder in unseren Raum. Zehn von ihnen haben wir nie wiedergesehen. Die sind in Rieseberg erschossen worden.“

Liebe Anwesenden,

die Dimension des Nazi-Terrors ist unvorstellbar. Sie ist unfassbar.

Denken wir nur einmal an diese elf Männer. Überlegen wir einmal, sie hätten weitergelebt, alle eine Familie und Kinder gehabt. Und die dann wieder Enkel.

Und denken wir das jetzt einmal weiter mit den Zahlen, die wir alle kennen, die wir aber nicht begreifen.

Die vielen, vielen Millionen Toten aus dem Krieg und dem industriellen Massenmorden der Nazis. Es ist eine Dimension, die unbegreiflich ist.

Aber es gibt, hier im Kleinen bei uns vor Ort, einen ganz kleinen, schwachen Trost. Die Nazis wollten mit den elf Morden hier abschrecken. Sie wollten damit den Weg bereiten für ihr angebliches „Drittes Reich“.

Am Ende ist hier aber ein Ort des Erinnerns, des Gedenkens, des Mahnens und des Geschichtsbewusstseins entstanden.

Der Preis dafür ist ungeheuerlich. Es ist der pure Schrecken.

Aber gerade deshalb ist es für uns auch eine Verpflichtung!

Wir stehen heute hier, damit der Tod dieser elf Männer nicht völlig umsonst war. Wir geben ein Zeichen, dass sich so etwas nie wiederholen darf. Wir gedenken dieser elf Menschen und ihres Schicksals.

Und versammelt sind wir hier und heute dafür nicht als Gewerkschafter, Betriebsratsmitglieder oder Parteipolitiker. Sondern als Demokratinnen und Demokraten.

Denn wenn Minderheiten in Bedrängnis geraten, müssen wir ihnen gemeinsam beistehen.

Wenn jemand die Grenzen des Sagbaren verschiebt, müssen wir unsere Stimme erheben und unmissverständlich klarmachen, dass das nicht geht.

Und wenn heute wieder wenige, aber umso lautere „Querdenker“ versuchen, medial ihre Meinung als Mehrheit darzustellen – und sich dabei gleichzeitig mit Neonazis und Reichsbürgern gemeinmachen – dann müssen wir dem sehr entschieden entgegentreten!

Dabei darf es uns auch nicht kaltlassen, wenn nach fast 80 Jahren Frieden in Europa und Jahrzehnten des Wohlstandes tausende Menschen vor den Toren unseres Heimatkontinents ertrinken und dabei zu Objekten werden.

Und vor allem müssen wir klare Kante zeigen, wenn eine Partei in den Aufwind gerät, die die Geschehnisse von damals gezielt verharmlost.

Ich muss – und ich will – das hier alles nicht mehr im Detail aufzählen: Die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“, das „Mahnmal der Schande“, der „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ – Ihr kennt das leider alles.

Nennen wir unsererseits die Dinge doch auch einmal beim Namen!

  • Die neue Rechte bekämpft die kritische Aufarbeitung der deutschen Geschichte, unserer Vergangenheit, weil das für sie ein Hindernis ist auf dem angestrebten Weg zu neuer, überhöhter nationaler Größe!
  • Kräfte, die sich eine vermeintliche „Alternative für Deutschland“ nennen, haben ein massives Problem mit Veranstaltungen wie dieser. Und ein massives Problem mit Teilnehmenden wie uns hier!
  • Und, das sage ich persönlich, diese Kräfte haben auch ein massives Problem damit, wenn eine Frau, zumal mit ausländischem Pass, so wie ich Betriebsratsvorsitzende ist und vor Populismus warnt.
  • Davon lasse ich mich aber nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Das treibt mich an, weiterzumachen und ein Beispiel zu geben!

Kolleginnen und Kollegen, liebe Teilnehmenden,


wehret den Anfängen!
Lasst uns aktiv sein, nicht passiv. Lasst uns Erinnerung und Verantwortung nicht zu Pflichtübungen verkommen.
 
Über diese Verpflichtung hat unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im April etwas wie ich finde sehr Wichtiges gesagt. Das war bei seinem Besuch im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, 76 Jahre nach der Befreiung.
 
Ich zitiere ihn:


"Nicht, weil wir heute Verantwortung dafür tragen, was damals geschehen ist, sondern weil wir alle, die wir uns als Menschen begreifen, Verantwortung dafür tragen, dass es nie wieder geschieht".
 
Lasst uns also wachsam, kreativ und vor allem mutig sein, wenn die AfD oder andere um ihre rechten Ecken biegen. Stellen wir uns ihnen entschieden entgegen. So wie meine Kolleginnen und Kollegen damals, als wir der Volkswagen-Halle den Namen genommen haben, weil sich diese Ewiggestrigen für ihren Bundesparteitag dort eingemietet hatten. Fast 30.000 Menschen haben damals rund um den Schlossplatz gezeigt:
 
Wir sind mehr, wir sind bunt, wir sind Deutschland!
 
Lasst uns mehr Veranstaltungen wie heute machen! Ich empfinde den Rahmen hier als sehr beispielhaft. Daher möchte ich mich auch ausdrücklich beim DGB, Region Süd-Ost-Niedersachsen, bedanken. Toll, was Ihr hier seit so vielen Jahren leistet!
 
Zum Schluss möchte ich noch einmal die Namen nennen, für die wir uns hier versammelt haben. Ihr Schicksal ist unsere Verpflichtung. Wir erinnern uns heute an:
 
Hermann Behme, Julius Bley, Hans Grimminger, Kurt Heinemann,
Reinhold Liesegang, Wilhelm Ludwig, Walter Römling,
Gustav Schmidt, Alfred Staats, Willi Steinfass, Kurt Hirsch.

 

Ich danke Euch und Ihnen!