"Eure Geschäftsführung sollte sich schämen!" - Offener Brief an die Meyer Werft

Das Kreuzfahrtschiff "Norwegian Jewel" aus der Meyer Werft (Foto: Christian Brinkmann, über Wikipedia)
Im Trockendock der Werft - das größte der Welt übrigens. (Foto: Christian Walther, über Wikipedia)
11.06.2021

Die Papenburger Meyer Werft, bekannt für ihre Kreuzfahrtriesen, attackiert die Mitbestimmung massiv. Die Spitzen des VW-Gesamtbetriebsrates zeigen sich daher solidarisch mit dem Betriebsrat der Werft und melden sich in einem Offenen Brief zu Wort.

Das Schreiben datiert auf den 10. Juni 2021 und ist unterzeichnet von den Vorsitzenden der Standorte (alphabetische Reihenfolge der Nachnamen):

Daniela Cavallo, Volkswagen Wolfsburg | Carsten Baetzold, Volkswagen Kassel | Simone Mahler, Volkswagen Financial Services Braunschweig | Bertina Murkovic, Volkswagen Nutzfahrzeuge Hannover | Daniela Nowak, Volkswagen Braunschweig | Jens Rothe, Volkswagen Sachsen GmbH | Dirk Windmüller, Volkswagen Salzgitter | Manfred Wulff, Volkswagen Emden

Hier der Wortlaut:

Offener Brief der Spitzen des Volkswagen Gesamtbetriebsrates an den Betriebsrat der Meyer Werft

Lieber Nico,
liebe Kolleginnen und Kollegen im Betriebsrat der Meyer Werft,
liebe Metallerinnen und Metaller,

wir sind bestürzt über die Angriffe auf die Sozialpartnerschaft in eurem Traditionsunternehmen.

Mit diesem Offenen Brief erklären wir uns mit euch solidarisch und fordern eure Geschäftsleitung auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und mit euch konstruktiv auf eine Lösung hinzuarbeiten. Eine Lösung, mit der euer Arbeitgeber seiner Verantwortung als wichtiger Akteur in Land und Region gerecht wird.

Das Verhalten, das eure Geschäftsführung derzeit an den Tag legt, ist Gift für den Standort Deutschland. Vorbei am Betriebsverfassungsgesetz und an der auch bei euch etablierten Mitbestimmung versucht die Meyer Werft, die eigene Belegschaft zu spalten und euch im Betriebsrat die verbrieften Rechte zu nehmen.

Eure Unternehmensseite spielt gezielt mit den Ängsten der Beschäftigten. Sie polarisiert über eine Onlineabstimmung. Und sie gefährdet nachhaltig das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Loyalität und die Treue, die eure Belegschaft dem Unternehmen jahrzehntelang geschenkt hat.

Eure Geschäftsführung sollte sich schämen! Vor allem aber sollte sie ihren Kurs schleunigst korrigieren!

Wo immer die legitimen Rechte der Arbeitnehmer:innen mit Füßen getreten werden, mischen wir uns ein und stehen den Betroffenen zur Seite. Das machen wir im Fall der Meyer Werft zunächst einmal, weil auch wir Metallerinnen und Metaller sind und weil unsere Betriebe die Heimat Niedersachsen verbindet.

Aber uns als geschäftsführender Ausschuss im Gesamtbetriebsrat des größten Unternehmens zwischen Harz und Küste ist noch ein anderer Aspekt sehr wichtig: Die Vorgänge in eurem Unternehmen und die Angriffe auf eure Mitbestimmung sind nicht nur ein Thema für die Gewerkschaften oder für die Politik.

In eurem Fall sollte sich jede Bürgerin und jeder Bürger zumindest aus Niedersachsen für die Vorgänge interessieren. Die Meyer Werft, das müssen wir euch nicht sagen, gilt als Vorzeigeunternehmen, auf dessen Ingenieursleistungen nicht nur eure Region zu Recht stolz sein darf. Wir haben Respekt vor euren Leistungen. Aber: Der Welterfolg der Meyer Werft baut zu großen Teilen auch auf die Unterstützung eurer Heimatregion, eures Bundeslandes und nicht zuletzt der Bürgerinnen und Bürger insgesamt. Für eure faszinierenden

Produkte ist die Ems bekanntermaßen das Tor zur Welt. Das geschieht seit Jahrzehnten auf Kosten der Umwelt und damit auf Kosten der nachfolgenden Generationen in unserer Gesellschaft. Die Flussvertiefungen und Unterhaltsbaggerungen, um den Fluss auf Tiefe zu halten, werden mit Millionenbeträgen aus Steuergeld gemeinschaftlich finanziert – so wie damals auch das Emssperrwerk, das sich ausweislich der NLWKN-Statistik bisher rund dreimal öfter für Schiffsüberführungen schloss als für den Sturmflutschutz.

Vor diesem Hintergrund wird erkennbar, dass die Vorgänge bei euch Gegenstand eines breiten öffentlichen Interesses sein sollten. Doch statt einer Kultur der Lösungsorientierung, wie sie die Sozialpartnerschaft hierzulande auszeichnet, erleben wir von eurer Geschäftsführung eine gezielte Vergiftung der Lage. Gerade weil die Meyer Werft seit Jahrzehnten in einer Art Abkommen eine breite gesamtgesellschaftliche Unterstützung erfährt, ist es insbesondere jetzt in der Krise an der Zeit, für alle Seiten tragfähige Auswege zu finden. Dafür steht die Arbeitgeberseite bei euch in der Pflicht! Wenn sie sich stattdessen aus der Verantwortung stehlen will, ist das schäbig und verdient Gegenwehr nicht nur aus euren und unseren Reihen.

Daher appellieren wir mit diesem Offenen Brief an eure Geschäftsführung, endlich mit euch lösungsorientiert und auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten! Denn das ist euer Arbeitgeber euch und Niedersachsen schuldig.

Euch im Gremium wünschen wir alle Kraft für diese besondere Situation. Haltet durch, kämpft weiter!

Für den Gesamtbetriebsausschuss im Gesamtbetriebsrat der Volkswagen Aktiengesellschaft

Daniela Cavallo, Volkswagen Wolfsburg | Carsten Baetzold, Volkswagen Kassel | Simone Mahler, Volkswagen Financial Services Braunschweig | Bertina Murkovic, Volkswagen Nutzfahrzeuge Hannover | Daniela Nowak, Volkswagen Braunschweig | Jens Rothe, Volkswagen Sachsen GmbH | Dirk Windmüller, Volkswagen Salzgitter | Manfred Wulff, Volkswagen Emden