Offener Brief zum Rassismus-Vorwurf aus Zwickau

Das VW-Werk in Zwickau, Heimat der ID-Reihe.
18.12.2020

VW-Beschäftigte wenden sich in einem gemeinsamen Schreiben an die Öffentlichkeit, nachdem im sächsischen VW-Werk in Zwickau Rassismus-Vorwürfe aufgekommen waren.

Der Wortlaut des Briefes:

Glück Auf liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Volkswagen Werk Sachsen in Zwickau.
Dies ist ein offener Brief an euch, an dem sich einige Kolleginnen und Kollegen aus Hannover beteiligen als Reaktion auf den Rassismusvorwurf in Zwickau.
Wir finden es erschreckend was unserem Kollegen aus Hannover widerfahren ist. Es darf heutzutage nicht mehr vorkommen, dass Kolleginnen oder Kollegen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft, ihres Aussehens, der Frage, wen sie lieben, oder aus irgendwelchen anderen Gründen diskriminiert werden. Wir hoffen, dass die Schuldigen schnellstmöglich gefunden und zur Rechenschaft gezogen werden. Deshalb appellieren wir, dass die Kolleginnen und Kollegen, die mit Diskriminierung zu kämpfen haben, sich mit ihrem nächsten Vorgesetzten in Verbindung setzen und die Schuldigen ausfindig machen.
Mit diesem Brief möchten wir Kollegen und Kolleginnen aber unsere positiven Erfahrungen wiedergeben. Hier ist ein kleiner Einblick in unsere Geschichte. Nachdem wir Hannoveraner nach drei Jahren Autovision mit anschließenden Neunmonatsvertrag bei Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover kurz vor dem Aus standen, haben wir noch die Möglichkeit erhalten eine unbefristete Arbeitsstelle im Volkswagen Werk Zwickau anzunehmen. Die Entscheidung erwies sich gewissermaßen als schwierig. Viele Kolleginnen und Kollegen haben Familie, Freunde und Bekannte sowie ihr Wohneigentum in Hannover. Die Strecke täglich zu pendeln ist unmöglich, es sind ja knapp 400 Kilometer sprich circa vier Autostunden. Einige der Kolleginnen und Kollegen entschieden sich dazu die Last auf sich zu nehmen und der neuen Arbeitsstelle eine Chance zu geben. Mit mulmigen Gefühlen ging es los nach Zwickau. Viele von uns sind noch nie in Sachsen gewesen. Die Vorurteile sind extrem und man hört so einiges über die Sachsen. Auch deswegen hat uns der Wechsel Sorgen gemacht. Denn die meisten von uns haben Migrationshintergrund russische, polnische, türkische, griechische Wurzeln und auch entsprechende Namen. Zunächst haben wir von Volkswagen alle ein Hotelzimmer sowie tägliche Verpflegungspauschalen erhalten. Das Hotel war schön, die Stadt Zwickau ebenfalls. Auf den ersten Blick waren die Leute nett und freundlich, es gab aber eben auch Ausnahmen. Genauso wie in Hannover.
Erster Arbeitstag im Volkswagen Werk Zwickau. Das sogenannte „Boarding“ fand statt, wir wurden freundlich empfangen, in unsere Abteilungen eingeteilt, eingewiesen und anschließend wurden unsere Fragen beantwortet.
Der zweite Arbeitstag im Volkswagen Werk Zwickau. In der Tat war es zunächst anders sich an eine neue Stadt, neue Kollegen und eine neue Arbeit zu gewöhnen. „Glück Auf“, zunächst waren wir uns unsicher was man uns damit sagen möchte, nach dem dritten oder vierten Kollegen der uns so scheinbar begrüßte war es klar, es ist eine Begrüßung, so wie das „Moin“ bei uns Niedersachsen. Wir waren positiv überrascht wie freundlich und zuvorkommend die Kolleginnen und Kollegen aus Zwickau sind. Einige sind uns aktiv entgegengekommen und suchten das Gespräch mit uns. „Wie viele Jahre bleibst du hier?“, „Wann darfst du wieder zurück nach Hannover?“ die Antwort auf diese Art von Fragen hat den Kolleginnen und Kollegen aus Zwickau die Sprache verschlagen. Voraussichtlich gar nicht heißt die Antwort. Die Reaktionen der Kolleginnen und Kollegen waren gemischt. Es hat dennoch nichts an dem Verhältnis geändert. Einige von uns wurden sofort als vollwertige Kolleginnen und Kollegen aufgenommen, die Arbeit wurde fair aufgeteilt und einige von uns hatten das Gefühl sofort als vollständiges Teammitglied aufgenommen worden zu sein. Die Zeit verging schnell und Freundschaften mit anderen Kollegen wurden geschlossen, die Stadt wurde erkundet. Es stellt sich bei vielen klar heraus, dass die Sachsen ja gar nicht so schlimm sind wie in den Vorurteilen erzählt worden ist.
Wir hatten teilweise das Gefühl, dass wir einen gewissen Sonderstatus besitzen um den wir nicht gebeten haben. Probleme wurden von den Meistern, Betriebsräten und anderen Vorgesetzten ungewöhnlich schnell gelöst. Die Kolleginnen und Kollegen sind sehr zuvorkommend. Wir wurden vor anstehenden Zusatzschichten gefragt ob wir die Wochenenden nach Hannover fahren oder lieber arbeiten kommen. Wenn wir wollten konnten wir arbeiten oder nachhause fahren, das stand uns manchmal zur Auswahl. Spätestens durch diese Gesten sind bei den letzten Kolleginnen und Kollegen aus Hannover die Bedenken und Ängste verschwunden.
Schlussendlich möchten wir uns für den tollen Empfang der Kolleginnen und Kollegen aus Zwickau und für das tolle und kollegiale Arbeitsklima bedanken.
Wir hoffen und setzen weiterhin auf freundliche und respektvolle Zusammenarbeit.
Vielen Dank Eure Hannoveraner