Volkswagen und IG Metall gründen Plattform für gute Arbeit in der Fabrik 4.0

Talkrunde zum Thema Industrie 4.0.
Personalvorstand Dr. Horst Neumann auf der Konferenz "Gute Arbeit in der Fabrik 4.0"
15.04.2015

Auf ihrer gemeinsamen Konferenz „Gute Arbeit in der Fabrik 4.0“ in Hannover haben Volkswagen Management und Betriebsrat sowie die IG Metall eine offene Plattform für gute Industriearbeit gegründet. Sie steht interessierten Unternehmen, Betriebsräten und Wissenschaftlern offen, um Ideen, Konzepte und Praxisbeispiele für gesunde, qualifikationsfördernde Arbeitsbedingungen in der Industrie 4.0 zu schaffen. Tagungen, Workshops und Expertenforen sowie eine spezielle Internetseite bieten dafür die Austauschmöglichkeiten.

Auf der Gründungstagung, zu der Volkswagen, Volkswagen Betriebsrat sowie IG Metall auf die Hannover Messe Industrie eingeladen hatten, diskutierten rund 200Experten aus Unternehmen, Wissenschaft, Politik, Gewerkschaften und Verbänden die Zukunft der industriellen Arbeit. Ein Fazit der Konferenz lautete: Der Wandel durch Digitalisierung und Automatisierung lässt sich in den nächsten 20 Jahren beschäftigungspolitisch verträglich gestalten. Er bietet die Chance, den Anteil qualifizierter Arbeit in der Fabrik deutlich zu steigern und monotone Arbeit abzuschaffen. Voraussetzung ist, dass die Qualifizierung der Beschäftigten – vom Auszubildenden über den Facharbeiter bis zum Ingenieur – zügig um digitale Kompetenzen erweitert wird.

Der Personalvorstand der Volkswagen Aktiengesellschaft, Dr. Horst Neumann, sagte: „Digitalisierung und Vernetzung werden die Arbeitswelt grundlegend verändern. Wir wollen frühzeitig gemeinsam mit Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Gewerkschaft die Weichen für gute Arbeit in der Fabrik 4.0 stellen. Deshalb laden wir andere Unternehmen, Betriebsräte, Gewerkschafter und Roboter-Experten ein, sich an unserer Plattform zu beteiligen.“ Neumann sagte weiter: „Wir sollten den Automatisierungsschub nutzen, ergonomisch ungünstige Arbeit Robotern zu überlassen.“ Erforderlich sind Neumann zufolge qualifikationsfördernde Arbeitsorganisation und entscheidungsfördernde Technik, die den Menschen mit Big-Data-Analysen in seiner Entscheidungsfindung unterstützt. „Aus- und Weiterbildung müssen verstärkt digitale Kompetenz vermitteln. Bei Volkswagen integrieren wir bereits in diesem Jahr neue Inhalte in Berufsausbildung und Weiterbildung in unseren Berufsfamilien. Die duale Ausbildung und das duale Studium, die Theorie und Praxis eng verzahnen, bieten dafür beste Möglichkeiten.“ Neumanns Fazit: „Wir können Arbeitslosigkeit und Dequalifizierung verhindern, weil in den nächsten 20 Jahren die starken Jahrgänge der Babyboomer in Rente gehen. Das bietet die einmalige Chance, monotone, belastende Arbeiten beschäftigungspolitisch verträglich Robotern zu überlassen. Wenn wir unsere Stärke, die berufliche Qualifikation der Facharbeiter und Ingenieure, geschickt mit den neuen Technologien verbinden, können wir auch im Hochlohnland Deutschland unsere Wettbewerbsfähigkeit halten und verbessern.

Der stellvertretende Vorsitzende des Volkswagen Gesamtbetriebsrats, Stephan Wolf, stellte fest: „Als Betriebsrat treiben wir die Auseinandersetzung mit dem Gesamtkomplex Industrie 4.0 heute gemeinsam mit dem Management voran, um die Belegschaften rechtzeitig auf neue Herausforderungen vorzubereiten. Auch wenn die neuen Technologien erst in zehn bis fünfzehn Jahren einziehen: Wir müssen schon heute die richtigen Antworten für Qualifizierung und Arbeitsorganisation entwickeln. Hier ist Volkswagen bereits auf dem Weg.“ Wolf betonte gleichzeitig, dass der Betriebsrat große Chancen sehe, durch flexiblere Roboter körperlich belastende Tätigkeiten, sogenannte rote Arbeitsplätze, verstärkt zu vermeiden. „Wir werden in jedem Fall über Qualifizierung und einen auf die Person zugeschnittenen Einsatz in der Fabrik dafür sorgen, dass wir die Volkswagen Beschäftigten mit in die Fabrik 4.0 nehmen.“ Der stellvertretende Gesamtbetriebsratsvorsitzende forderte gleichzeitig: „Wir müssen neben der Fabrik der Zukunft dringend mit der gleichen Intensität die Büroarbeit der Zukunft betrachten. Schon heute werden einfachere Angestelltentätigkeiten zunehmend durch intelligente IT-Lösungen ersetzt. Auch hier erfordert der Digitalisierungsschub neue Antworten für Qualifizierung und Arbeitsorganisation.“ So würden beispielsweise einfachere Tätigkeiten in der Finanz zunehmend durch IT-Programme übernommen. „Gute Arbeit 4.0 braucht es nicht nur in der Fertigung, sondern auch in den Büros.“

Der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, forderte eine neue Humanisierungspolitik, um die Chancen der Industrie 4.0 zu nutzen. „Der Mensch muss weiterhin gestalten, die Maschine steuern und überwachen und nicht die Maschine den Menschen.“ Die Konsequenzen für die Arbeitswelt seien nicht vorgeprägt, sondern gestaltbar. „Gewerkschafter und Betriebsräte müssen bei der Einführung von Robotik und der Digitalisierung der Arbeitswelt aktiv Einfluss nehmen, die Beschäftigten beteiligt werden.“ Notwendig seien Initiativen in den Unternehmen und Forschung, um Leitplanken für gute Arbeit in digitalisierten Arbeitsumgebungen zu entwickeln. „Wir brauchen etwa eine solide Technikfolgenabschätzung und daraus abgeleitete Qualifikationsbedarfe für Erstausbildung und Weiterbildung der Beschäftigten. Ich möchte, dass die Potenziale der Industrie 4.0 genutzt werden, um den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Gesunde Arbeit, qualifikationsfördernde Arbeitsbedingungen, bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Leben – Industrie 4.0 kann hierfür neue Antworten bieten.“

Die Konferenz „Gute Arbeit in der Fabrik 4.0“ fand am Dienstag auf der Hannover Messe statt und fokussierte auf den kommenden Umbruch in der Industriearbeit. Das Themenspektrum reichte vom Konzept der Guten Arbeit in der Fabrik 4.0 im Volkswagen Konzern über Fragen zur Arbeitsorganisation in der Fabrik 4.0, zu Ausbildung und Qualifizierung, zu Arbeitssicherheit bei der Mensch-Roboter-Kooperation, zu Datensicherheit in der vernetzten Fabrik bis zu Beschäftigungseffekten der Digitalisierung.