VW-Auszubildende schreiben Offenen Brief an Irans Präsidenten

Stumme Zeugen: Schuhe Ermordeter in Auschwitz.
Gedenkstein am "See der Asche".
20.09.2022 | JAV

Dessen Holocaust-Relativierung "muss man laut und deutlich widersprechen"

In einem gemeinsamen Projekt mit dem Internationalen Auschwitz Komitee engagieren sich in diesen Tagen vierzehn Auszubildende der Volkswagen AG  aus Wolfsburg, Zwickau, Chemnitz und Dresden bei Erhaltungs- und  Konservierungsarbeiten in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Gerade angesichts ihrer täglichen Beschäftigung mit Bauten und Gegenständen, die vom Massenmord an den jüdischen Familien Europas und dem Holocaust zeugen, haben sie auf die Äußerungen des iranischen Staatspräsidenten Ebrahim Raisi in einer US-Fernsehsendung fassungslos und voller Zorn reagiert. Raisi hatte vor kurzem in der Sendung "60 Minutes" Zweifel an der Dimension des Holocaust geäußert.

Dabei sind die Zahlen hinter dem Völkermord an den Juden spätestens seit der Freigabe sowjetischer Archive nachvollziehbar dokumentiert und Konsens in der internationalen Forschung. Es besteht Einigkeit, dass der Holocaust eine Gesamtopferzahl von mindestens 5,6 und bis zu 6,3 Millionen ermordeter jüdischer Menschen umfasst. Dazu kommen weitere Zahlen für Verletzte und Vertriebene. Quellen: Siehe zum Beispiel hier oder hier oder international auch hier.

Iran und Isreal sind verfeindet. Mehr hier.

Die Gruppe der 14 Auszubildenden hat sich spontan entschieden, einen offenen Brief an den Staatspräsidenten zu richten und ihm von ihren Erfahrungen in der Gedenkstätte Auschwitz und ihrer Konfrontation mit den Erinnerungen Überlebender zu berichten.

"Man muss solchen Worten  laut und deutlich widersprechen, besonders wenn sie ein so 'hoher' Mensch in die Welt setzt. Der iranische Staatspräsident beleidigt die  Opfer von Auschwitz und die Wahrheit der Geschichte. Es gibt genug fake news und rassistische Lügen, die die Menschen aufhetzen und immer wieder zu Unfrieden und Gewalt führen. Deshalb haben wir diesen Brief  geschrieben", betont für die Gruppe der Auszubildenden Kira Meya (19), Auszubildende zur Mechatronikerin, Wolfsburg.

Volkswagen ist in Auschwitz seit langem engagiert. Die Gedenkstättenarbeit und die Jugendbegegnungen in Oświęcim (deutsch: Auschwitz) sind ein gemeinsames Projekt des Internationalen Auschwitz Komitees und des Volkswagen Konzerns (Details hier).

Der Offene Brief lautet:

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Herr Staatspräsident Ebrahim Raisi, Exzellenz!

Wir sind vierzehn Auszubildende von Volkswagen im Alter zwischen  achtzehn und vierundzwanzig Jahren. Wir arbeiten in diesen Tagen  gemeinsam mit dem Internationalen Auschwitz Komitee in der Gedenkstätte  Auschwitz-Birkenau und sehen tagtäglich die Beweise für den Holocaust,  den Mord an den jüdischen Familien, wir sehen die Schuhe der ermordeten  Kinder und die Tatorte des Mordes. Sie haben in ihrem Interview gesagt,  dass sie weitere Beweise für den Holocaust brauchen: Ihre Worte muss man  so verstehen, dass sie daran zweifeln, dass es den Holocaust überhaupt  gegeben hat. Ihre Worte machen uns wütend und sie ermutigen alle neuen  Nazis auf dieser Welt.  Warum fügen sie den Angehörigen der Ermordeten  und den Überlebenden von Auschwitz diesen großen Schmerz zu? Sollen wir  Ihnen Fotos von unserer Arbeit, Fotos von den Kinderschuhen und den  Koffern der Ermordeten schicken? Sollen wir für Sie die Orte  fotografieren, wo das Gras über der Asche wächst? Vielleicht würden Ihnen dann die Augen geöffnet.
Oder wollen Sie gar nicht sehen?

Wir wünschen den Menschen in Ihrem Land Glück und Frieden:


Clarissa Haferkorn, 19, Auszubildende zur Werkzeugmechanikerin, Zwickau,
Jil-Seline Eiselt, 18, Auszubildende zur Verfahrensmechanikerin, Zwickau,
Sophia Klemm, 21, Auszubildende zur Kauffrau für Büromanagement, Wolfsburg,
Patricia Hüttl, 22, Ausbzubildende zur Industriekauffrau, Wolfsburg,
Mia Wagner, 18, Auszubildende zur Fachinformatikerin, Zwickau,
Mojtaba Hajizadeh, 22, Auszubildender zum Kraftfahrzeugmechatroniker, Zwickau
Jennifer Chemnitz, 20, Auszubildende zur Zerspannungsmechanikerin, Chemnitz,
Franz Mühlmann, 19, Auszubildender zum Kraftfahrzeugmechatroniker Hochvolttehcnik, Zwickau,
Lucas Spelly, 23, Auszubildender zum Industriemechaniker, Wolfsburg,
David Weinberg, 24, Auszubildender zum Elektroniker für Automatisierungstechnik, Dresden,
Lukas Sacher, 20, Auszubildender zum Industriemechaniker, Zwickau,
Aziz-Emre Meletli, 22, Auszubildender zum Elektroniker für Automatisierungtechnik, Wolfsburg,
Veli Güler, 20, Auszubildender zum Industriekaufmann für Büromanagement, Wolfsburg
Kira Meya, 19, Auszubildende zur Mechatronikerin, Wolfsburg