VW-Betriebsrat fordert gerechtere Bezahlung für Stress-Jobs in Corona-Krise

23.03.2020

Der Betriebsrat gibt zu bedenken: Von Applaus haben Beschäftigte in Gesundheitssystem und Einzelhandel wenig. Auch die Industrie hängt enorm von anderer, oft schlechter bezahlter Arbeit ab. Forderung: Umdenken über Leistung und Vergütung in der Gesellschaft.

Der Betriebsrat hat sich in der Corona-Krise für eine deutlich bessere Bezahlung in der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge ausgesprochen. Der Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh sagte am Montag: "Es ist ja eine nette Geste, dass die Beschäftigten aus dem Gesundheitssystem jetzt von überall her Applaus erhalten. Aber kaufen können sie sich davon gar nichts. Und ihre Arbeitsbedingungen ändert das auch nicht.“

Die aktuelle Corona-Krise, so Osterloh, verdeutliche die enorme Abhängigkeit gerade auch der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Industrie von der Arbeit in anderen Bereichen mit hoher gesellschaftlicher Relevanz. „Wir denken da zum Beispiel an die medizinischen Fachangestellten und Arzthelferinnen, an Pflegekräfte, Rettungsassistenten und Laborhelfer, aber auch an die Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten, an Verkäuferinnen und Lagerfachkräfte im Einzelhandel, an die Polizeimeisterin und den Feuerwehrmann“, sagte Osterloh. „Denn mit aller Macht zeigt die Corona-Krise auch uns in der Automobilindustrie, wie sehr wir Dienstleistungen um uns herum für selbstverständlich halten. Doch gerade ohne diese Arbeit würde unser Leben, so wie wir es kennen, gar nicht mehr funktionieren.“ Nötig sei eine gesellschaftliche Debatte über den Wert von Arbeit. Auch in der Politik und in kommenden Wahlkämpfen müsse das stärker Berücksichtigung finden.

Der Betriebsrat berief sich auf Beispiele für die Brutto-Bezahlung: Arzthelferinnen starteten bei 1931,56 Euro. Verkäuferinnen und Kassiererinnen erhalten anfangs 1817,00 Euro. Polizeimeister bekommen in Niedersachsen eingangs 2412,70 Euro. Selbst als Akademiker nach umfangreichem Studium erhalten Ärztinnen und Ärzte an kommunalen Krankenhäusern zum Start 4512,45 Euro – im Schichtdienst wohlgemerkt und in Kliniken, in denen seit Jahren oftmals der Rotstift regiert und die Privatisierungswelle rollt. Angestellte Apothekerinnen, ebenfalls mit aufwändigem Studium, starten mit 3529 Euro. Ihre Kolleginnen, die Pharmazeutisch-Kaufmännischen Angestellten (PKA), beginnen mit 1840 Euro. Im Sozial- und Erziehungsdienst starten die Beschäftigten bei 2285,34 Euro.

Osterloh sagte abschließend: „Die hitzige Debatte um den aktuellen Krankenhaus-Rettungsplan zeigt, wie groß der Handlungsdruck ist. Schon vor der Corona-Krise war die Situation in vielen, gerade auch kleineren Kliniken dramatisch. Es hilft jetzt kein Flickwerk. Es braucht da einen großen Wurf.“

---

Hinweis

Quellen für die oben genannten Angaben:

Gehaltstarifvertrag Medizinische Fachangestellte / Arzthelferinnen

Beispiele für Bezahlungen im Einzelhandel

Besoldungstabellen Niedersachsen

Tarifvertrag Ärzte an Kommunalen Krankenhäusern

Gehaltstarifvertrag für Apotheken

Stellungnahme Interessenverband kommunaler Krankenhäuser

Klinik-Codex „Medizin vor Ökonomie“

Petition der Pflegefachkräfte – Appell an Jens Spahn