"Haben alles getan, um Ansteckungsrisiken so gering wie möglich zu halten"

11.04.2020

Im Oster-Interview spricht der Betriebsratsvorsitzende über die Coronakrise, die Tarifrunde, Vorkehrungen für den Wiederanlauf und geschmierte Brote für die Arbeit.

Bernd, wie hat sich dein Leben seit Ausbruch der Corona-Krise verändert?

Corona hat mein Leben völlig auf den Kopf gestellt, da geht es mir wie den Kolleginnen und Kollegen im Home Office oder in Kurzarbeit. Konferenzen haben wir zu Skype verlagert, ich achte auf Abstand, wenn ich im Büro bin. Außerdem habe ich ja drei schulpflichtige Kinder, die jetzt zuhause sind. Ist doch klar, dass ich meine Frau bei der Betreuung versuche zu unterstützen, obwohl meine Arbeitstage genau so lang sind wie vorher. Mir ist jetzt nochmal richtig bewusst geworden, wie hart auch ein Job als Lehrerin oder Lehrer ist. Ich habe da echt Respekt vor bekommen.

Immer mehr Manager und Experten warnen davor, dass die Unternehmen die Krise nicht lange durchhalten können. Müssen auch wir bei VW uns Sorgen machen?

Volkswagen ist gut unterwegs für diese Herausforderung. Unsere flüssigen Mittel reichen fürs Erste aus. Mir ist jetzt ganz wichtig, dass die Belegschaft gesund und motiviert bleibt. Denn wenn wir Corona irgendwann hinter uns haben, brauchen wir jede Hand, um den Produktionsrückstand aufzuholen. Unsere Produkte sind top und besser als die der Konkurrenz. Darum bin ich langfristig zuversichtlich für unsere Marke und den ganzen Konzern.

Wann geht es in den Werken wieder los?

Wichtiger als ein Datum ist für mich, dass sich alle Kolleginnen und Kollegen in unseren Werken gut vor einer Ansteckung geschützt fühlen und das auch tatsächlich sind, wenn wir wieder loslegen. Dazu haben wir mit der Unternehmensleitung feste Regeln vereinbart, zum Beispiel für den Abstand bei der Arbeit oder die Versorgung mit Masken. Außerdem müssen vor einem Anlauf die Versorgung mit Teilen und der Abfluss der fertigen Fahrzeuge geklärt sein. So lange zum Beispiel die Kfz-Zulassungsstellen geschlossen sind, wird uns kaum ein Kunde ein Auto abnehmen. Ich habe eine große Bitte an alle Kolleginnen und Kollegen zum Thema Wiederanlauf: Lasst euch nicht verrückt machen von Gerüchten und Falschmeldungen in den Sozialen Medien. Verlässliche Infos kommen vom Betriebsrat oder vom Unternehmen. Nach Ostern sollte es soweit sein.

Kann ich sicher sein, dass ich mich nach dem Wiederanfahren im Betrieb nicht anstecke?

Wir beim Betriebsrat reden bekanntlich Klartext. Und daher sage ich: Ein Restrisiko bleibt immer – egal ob zuhause, in Bus und Bahn, beim Einkaufen oder eben bei der Arbeit. Aber: Die Kolleginnen und Kollegen können sicher sein, dass wir bei Volkswagen alles getan haben, um das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich zu halten. Wir haben dazu am Mittwoch eine Vereinbarung zwischen Gesamtbetriebsrat und dem Unternehmen abgeschlossen. Darin regeln wir verbindliche Standards für die Volkwagen AG.

Die schauen wie aus?

Ein Schwerpunkt ist die Fertigung, wo dicht an dicht gearbeitet wird. Dort haben wir Prozesse und Abläufe so geändert, dass der Schutz vor einer Übertragung des Virus an allererster Stelle steht. Das heißt konkret, dass wir Umwege in Kauf nehmen, langsamer produzieren und im Zweifel lieber ein Fahrzeug weniger an ZP8 [An dieser Stelle im Werk übergibt die Produktion an den Vertrieb, Anmerkung der Redaktion] bringen als irgendwo ins Risiko zu gehen. Wo sich der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht einhalten lässt, tragen die Kolleginnen und Kollegen Masken. Die Räume werden öfter gereinigt. Ebenso Werkzeuge und Geräte wie etwa Scanner. Vor Arbeitsbeginn muss jeder zuhause einen kurzen Fragenkatalog durchgehen, um sich selber auf Krankheitssymptome zu testen. Auch das Messen der Körpertemperatur gehört dazu. Für den indirekten Bereich gilt weiterhin die Vorgabe: So viel wie möglich soll aus dem Home Office gearbeitet werden. Wenn es hilft, kann der Gleitzeitrahmen erweitert werden, um die Arbeit zu entzerren. Und, ganz wichtig, für die Risikogruppen gilt wie bisher auch: Man darf weiter zuhause bleiben und, falls das mit der eigenen Arbeit möglich ist, zu 100 Prozent mobil arbeiten.

Angeblich sollen die Betriebsrestaurants noch nicht wieder aufmachen. Wie kommen wir an was zu essen?

Klar ist in diesen Zeiten leider: Schlangen an der Essensausgabe und gemeinsames Sitzen auf engem Raum sind nicht gut für ein möglichst kleines Ansteckungsrisiko. Daher werden unsere Betriebsrestaurants anfangs noch nicht wie gewohnt öffnen können. Die Automaten werden aber verlässlich aufgefüllt. Im Zweifel bringt man sich lieber ein Brot mit oder einen Riegel von zuhause. Das muss jetzt halt mal so sein. Wir haben Phasen definiert, in denen die Betriebsrestaurants auch wieder mit besonderen Maßnahmen öffnen, zum Beispiel mit weniger Stühlen und mehr Abstand an den Tischen. So hatten wir es in den letzten Tagen vor der Kurzarbeit ja auch schon. Unsere Betriebsrestaurants sind großartig, die Kolleginnen und Kollegen aus der Service Factory machen einen Top-Job. Aber in den ersten Wochen des Wiederanlaufs werden die Kantinen erstmal geschlossen bleiben müssen.

Ihr habt den Tarifabschluss auf das Jahresende verschoben. Was ist aus der Aussage aus Februar mit dem „fairen Anteil der Belegschaft“ geworden?

Das hat doch Bestand. Wir fordern unseren fairen Anteil. Aber darüber verhandeln wir nicht in einer Situation, in der Kurzarbeit herrscht und die Liquidität des Unternehmens ein großes Thema ist. Deswegen haben wir die Haustarifrunde auf eine Zeit vertagt, in der wir wieder nach vorne schauen können. Das dürfte hoffentlich zum Ende des Jahres der Fall sein. Bis dahin drehen wir gewissermaßen eine Warteschleife. Aber klar ist doch auch: Wenn wir Nachholbedarf haben, werden wir den geltend machen.

Einige Dinge hat der Betriebsrat ja trotz der Situation erreicht. Was liegt Dir da besonders am Herzen?

Ich nenne mal drei Punkte, über die ich mich besonders freue. Vor allem ist da die Ausweitung der Freistellung im Rahmen von T-ZUV, also der Tariflichen Zusatzvergütung. Die Umwandlung der Einmalzahlung in sechs freie Tage für berechtigte Kolleginnen und Kollegen ist künftig fünfmal statt bisher nur zweimal möglich, außerdem profitieren Eltern kleiner Kinder von einer Anhebung der Altersgrenze. Zweitens ist da die Einführung von "Meine Auszeit". Wir haben hier eine super Vereinbarung getroffen, Kolleginnen und Kollegen ein Sabbatical für bis zu sechs Monate zu ermöglichen. Dabei tritt das Unternehmen finanziell in Vorleistung, sodass Beschäftigte während ihrer Auszeit weiterhin 75 Prozent ihres Monatseinkommens beziehen. Man muss lange suchen, um so eine Regelung bei anderen Unternehmen zu finden. Und schließlich haben wir uns darauf verständigt, das Thema LOV, also die Leistungsorientierte Vergütung, neu zu regeln, das wollen wir im zweiten Halbjahr 2020 fürs nächste Jahr verhandeln. Die Idee ist, statt der bisherigen Beurteilung nach einem Gespräch mit der Führungskraft eine Festsumme einzuführen. Die Gespräche mit der Führungskraft halte ich aber für absolut notwendig, deswegen wollen wir diese beibehalten.

Wie reagiert der Betriebsrat in seiner täglichen Arbeit auf das Risiko einer Ansteckung, gibt es schon Fälle in euren Reihen?

Es gab auch bei uns schon Verdachtsfälle und außerhalb von Wolfsburg auch schon Betriebsräte, die an COVID-19 erkrankt sind. Nach allem, was ich heute weiß, ist aber zum Glück kein schwerer Verlauf dabei gewesen. Wir erledigen jetzt auch viel über Skype. Dabei sagte das Betriebsverfassungsgesetz bis vor kurzem noch, dass Entscheidungen im Betriebsrat in einer Sitzung mit persönlicher Anwesenheit zu erfolgen haben, also alle im selben Raum. Das hat der Gesetzgeber inzwischen gelockert. Die vorhin erwähnte Betriebsvereinbarung zu den Gesundheitsstandards haben wir per Skype-Konferenz beschlossen, das war eine Premiere. Und wenn wir in diesen Zeiten doch noch physisch zusammenkommen in unseren Gremien, dann in großen Räumen mit viel Abstand. Uns allen muss klar sein: Wir sind nur dann solidarisch in diesen Zeiten und rücken zusammen, wenn wir Abstand halten. Das sind wir vor allem den Risikogruppen schuldig, also den Schwächeren in unserer Gesellschaft. Ich persönlich freue mich aber schon jetzt auf den Tag, an dem wir uns alle wieder mit Handschlag begrüßen können und uns auch mal auf die Schulter klopfen.