Holocaust-Überlebende Eva Umlauf spricht in Wolfsburg

Festakt zu 80 Jahren Mitbestimmung sendet eindringlichen Appell

27.11.2025 | Auschwitz-Überlebende, Betriebsrat, CEO, Ministerpräsident und IG Metall betonen: Ohne Demokratie ist alles nichts

Dr. Eva Umlauf [ © Eva Oertwig/SCHROEWIG News & Images für IAK Berlin]

Hans Dieter Pötsch

Oliver Blume

Olaf Lies

Thomas Schäfer

Christiane Benner

Dennis Weilmann

Wolfsburg - Mit einem eindringlichen Appell an die Unternehmen in Deutschland, endlich mit klarer Kante die Demokratie stärker zu verteidigen, haben sich die Auschwitz-Überlebenden zur 80-Jahr-Feier der Mitbestimmung bei Volkswagen zu Wort gemeldet. "Dass die Ideologie der Nazis, dass Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und auch Verschwörungstheorien noch einmal solche Durchschlagskraft entwickeln könnten, war doch für uns alle ziemlich unvorstellbar", sagte die Festrednerin bei der Feierstunde des VW-Betriebsrates, die Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees (IAK), Dr. Eva Umlauf, am Donnerstag in Wolfsburg. Dort erinnerte der VW-Betriebsrat an seine Gründung vor exakt 80 Jahren am 27. November 1945, als sich erstmals bei Volkswagen eine demokratisch gewählte Arbeitnehmervertretung konstituierte. Umlauf sprach auf Einladung der Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzenden Daniela Cavallo.

Die 82-jährige Umlauf, selber eine der jüngsten Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, lobte in ihrer Rede das vom VW-Konzernbetriebsrat vorangetriebene, inzwischen seit Jahrzehnten laufende gemeinsame Engagement von Volkswagen und IAK für Erinnerung und Verantwortung. "Es ist einzigartig in Deutschland und es ist ein Signal Ihrer Haltung, das in die Gesellschaft ausstrahlt und leider in der Wirtschaft viel zu wenige Nachahmer gefunden hat. In diesem Zusammenhang wünschte ich mir in der gegenwärtigen Situation in unserem Land, in Europa und auch in der Welt gerade aus der Wirtschaft viel deutlichere und hörbarere Signale, was die Verteidigung und den Schutz der Freiheit und der Demokratie angeht", betonte die IAK-Präsidentin vor rund 300 Gästen in der Wolfsburger Autostadt. "Die Demokratie ist unter Druck, nicht nur junge Menschen fallen auf die unwahre und hasserfüllte Hetze und Propaganda rechtsextremer Strategen und Parteien herein."

Das IAK mit Sitz in Berlin ist ein Zusammenschluss von Auschwitz-Überlebenden und vereint Organisationen, Stiftungen und Holocaust-Überlebende aus 19 Ländern. Der Appell von Eva Umlauf fällt in eine Woche, in der eine politische Debatte läuft über den Kurs einiger Wirtschaftsverbände, die sich für engere Beziehungen zwischen Unternehmertum und der AfD ausgesprochen haben. Mehrere bundesweit bekannte Unternehmen, etwa Rossmann, kündigten daraufhin ihre Verbandsmitgliedschaft. Der Verfassungsschutz hatte die Partei im Frühling als "gesichert rechtsextremistisch" eingestuft, was zu einer auch derzeit noch laufenden juristischen Auseinandersetzung führte. Volkswagen verweigert der AfD die ansonsten üblichen Flottenrabatte für Parteien und hatte 2019 der "Volkswagen Halle" in Braunschweig ihren Namen genommen, als die AfD dort ihren Bundesparteitag abhielt.

Das gemeinsame Projekt „Auschwitz – Erinnern und Zukunft“ von IAK und Volkswagen-Konzern führte in den vergangenen mehr als 30 Jahren Tausende deutsche und polnische Auszubildende und Berufsschüler sowie Meisterinnen, Meister und weitere Führungskräfte aus dem Unternehmen in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz zusammen. Die Teilnehmenden helfen in den Projekten unter anderem beim Erhalt der Erinnerungsorte und haben auf IAK-Initiative immer wieder auch Gelegenheit für den Dialog mit Überlebenden und Zeitzeugen. Der VW-Konzern hat außerdem - als eines der ersten Unternehmen bundesweit - seine geschichtlichen NS-Wurzeln aufarbeiten lassen und legte nach langen Debatten Ende der 1990er Jahre einen Entschädigungsfonds für Opfer der Zwangsarbeit auf. Dem schlossen sich dann weitere Unternehmen an. Sowohl die historische Aufarbeitung als auch die Pionierrolle bei den Entschädigungszahlungen und der Einsatz für den Dialog insbesondere des Nachwuchses sind dem Konzernbetriebsrat als entscheidende Kraft zuzurechnen.

Dr. Umlauf, die dem IAK seit Mai als Präsidentin vorsteht, würdigte die Erinnerungskultur als Facette der Mitbestimmung bei VW ausdrücklich. "Das politische und pädagogische Engagement der Volkswagen AG, das der Betriebsrat angestoßen hat, ist aus der Auseinandersetzung mit der Konzerngeschichte heraus entstanden", sagte sie und betonte: "Mir ist bewusst, wie sehr die Idee des Volkswagens und die Entstehung dieses Werkes mit der Ideologie und der Propaganda der Nationalsozialisten, ja der Ideenwelt Hitlers selbst verflochten war." So erinnerte die IAK-Präsidentin in ihrer Rede auch an das Schicksal der 365 Kinder der VW-Zwangsarbeiterinnen, die im sogenannten Ausländerkinder-Pflegeheim in Rühen an den Folgen von Verwahrlosung und unzureichender Ernährung starben. "Auch ich war ein Kind: Dort in den anderen Lagern. Aber ich darf leben!", sagte Umlauf.

Trotz der schmerzhaften Erinnerung, die der historische Ort des heutigen Wolfsburgs bereite, habe sie sich gefreut über die Einladung, zum Jubiläum der Mitbestimmung die Festrede zu halten. "Weil es gut ist, an einen Ort zu kommen, an dem Menschen sehr tief in die eigene Geschichte eingestiegen sind, um aus dieser Geschichte auszusteigen. An dem Menschen sich mit den Erfahrungen, Ursachen und Hinterlassenschaften der Diktatur auseinandergesetzt haben, damit eine neue Diktatur keine Chance hat, damit sich Zwangsarbeit, Antisemitismus, Hass und Mord nicht wiederholen und eine neue Art des Umgangs miteinander eine rechtliche Sicherheit findet und so zum gelebten Alltag werden kann."

Auch die Gastgeberin der Veranstaltung, die Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo, mahnte zu Anfang der Veranstaltung in ihrem Grußwort: "80 Jahre später markieren einen Punkt, an dem ich feststelle: Ohne Demokratie wäre alles nichts. Ohne Demokratie stünde Volkswagen im Nichts. Darum geht es heute hier!"

Dieser Grundlage müsse man sich im Alltag stärker bewusst werden. Cavallo: "Wenn es 80 Jahre später Angriffe auf diese Demokratie gibt, sind das immer auch Angriffe auf Volkswagen, auf die Mitbestimmung, auf die Grundlagen für Wirtschaftlichkeit, Beschäftigungssicherung und den Wohlstand unserer bundesweiten Standortregionen. Wenn wir die Demokratie im Kleinen nicht verteidigen, werden wir auch im Großen nicht bestehen."

Die 50-Jährige, die den Mitbestimmungsgremien des Konzerns seit 2021 vorsteht, bilanzierte: "Wir haben 80 Jahre lang gemeinsam aufgebaut. Unser Unternehmen als Teil der Industrie. Unsere Arbeitnehmervertretungen als Teil der Mitbestimmung. Unsere Belegschaften und Standortregionen als Teil der Gesellschaft. Und wenn wir auch im Alltag in unserem Konzern in so manchem Konflikt um die besten Lösungen ringen, eines eint uns am Ende des Tages alle gemeinsam: Angriffe auf die Demokratie sind Angriffe auf unsere gemeinsame Grundlage."

 

Neben Frau Dr. Umlauf und Daniela Cavallo sprachen bei der Feierstunde im Pavillon der Volkswagen Nutzfahrzeuge auch der Konzern-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume, Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Olaf Lies und Christiane Benner, Vize-Aufsichtsratsvorsitzende der Volkswagen AG und Erste Vorsitzende der IG Metall. 

 

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Anlässlich des 80. Jahrestags der Mitbestimmung bei Volkswagen
haben den Betriebsrat folgende Botschaften erreicht:

 

Hans Dieter Pötsch,
Vorsitzender des Aufsichtsrates der Volkswagen AG

„Volkswagen ist ein weltweit erfolgreich agierender Automobilhersteller. Und ein Unternehmen, in dem sich nachhaltige Rendite und nachhaltige Beschäftigung nicht ausschließen. Dafür stehen auch 80 Jahre Betriebsrat. Die paritätische Mitbestimmung im Aufsichtsrat habe ich sowohl als Finanzvorstand und natürlich vor allem als Aufsichtsratsvorsitzender als Bereicherung empfunden. Sie ist ein wichtiger Teil der Volkswagen Kultur und ein Teil des nachhaltigen Erfolgs des Konzerns.“

 

Oliver Blume,
Vorstandsvorsitzender des Volkswagen Konzerns

"Die Mitbestimmungskultur im Volkswagen Konzern hat maßgeblich die deutsche Sozialpartnerschaft geprägt. Was bei uns gelingt, strahlt weit über die Werkszäune hinaus. Sie hat Beschäftigung gesichert und weltweit Maßstäbe für industrielle Demokratie gesetzt. Mit all ihren Erfolgen, Konflikten und Lernprozessen. Ihre Stärke zeigt sich, wenn es nicht um Ideologien geht, sondern um pragmatische, tragfähige und nachhaltige gemeinsame Entscheidungen – für das Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Deutschland. Mitbestimmung ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein lebendiges Prinzip - das sich immer wieder neu beweisen muss. Gerade jetzt. In Zeiten tiefgreifender Veränderung, mit einem klaren Plan für die Zukunft dieses einzigartigen Unternehmens. Dieses Modell hat uns stark gemacht – in Krisen, im Wandel, in der täglichen Arbeit. Und es wird uns weiter stark machen, wenn wir Verantwortung teilen und die Zukunft gemeinsam gestalten. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist Vertrauen.“

 

Olaf Lies,
Ministerpräsident des Landes Niedersachsen und VW-Aufsichtsrat

„Gelebte Demokratie im Unternehmen – dafür steht die Mitbestimmung bei Volkswagen seit 80 Jahren. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung bei VW zusammengehen und das Unternehmen stark, innovativ und resilient bleibt. Die Sozialpartner bei Volkswagen haben über die Jahrzehnte auf außergewöhnliche Art und Weise gelernt, Konflikte im Dialog zu lösen und Wandel vorausschauend, fair und verlässlich zu gestalten. Mitbestimmung ist kein Selbstzweck, sondern ein strategischer Standortvorteil. Gerade in herausfordernden Zeiten hat sie das immer wieder bewiesen. Sie bedeutet Teilhabe und Mitverantwortung: Es geht um viel mehr als nur um Entgelte und Arbeitszeiten; es geht um die gemeinsame Verantwortung für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. Dadurch ist Volkswagen geprägt von einem besonderen Geist, nämlich dem des Dialogs, der Fähigkeit, zuzuhören, und der gemeinsamen Verantwortungsbereitschaft. 80 Jahre Mitbestimmung bei Volkswagen sind deshalb nicht nur ein Jubiläum, sondern ein Auftrag, diese Stärke in die nächsten Jahrzehnte zu tragen – geprägt vom Bewusstsein, dass man nur gemeinsam erfolgreich und stark sein kann.“

 

Thomas Schäfer,
CEO Marke Volkswagen Pkw und Leiter der Markengruppe Core

„80 Jahre Mitbestimmung bedeuten 80 Jahre vertrauensvolle Partnerschaft und eine ganz besondere Kultur, die wir gemeinsam leben. Sie macht uns nicht nur wirtschaftlich stark, sondern auch menschlich und sozial. Ein wesentlicher Grund, der Volkswagen zu Volkswagen macht.“ 

 

Christiane Benner,
Erste Vorsitzende der Gewerkschaft IG Metall und Vize-Aufsichtsratsvorsitzende

"Mitbestimmung bei Volkswagen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Für die Belegschaft, das Unternehmen und die Gesellschaft. Die Mitbestimmung bei Volkswagen ist ein Erfolgsmodell, das weltweit Seinesgleichen sucht. Mitbestimmung bedeutet, nach Lösungen zu suchen, statt zu resignieren. Wege Richtung Zukunft zu finden und zu gehen, auch gegen Widerstände.  Denn Mitbestimmung bedeutet auch, zu kämpfen, mutig und selbstbewusst. Genau das brauchen wir in diesen Zeiten! Herzlichen Glückwunsch zu 80 Jahre Demokratie und Mitbestimmung bei VW!"

 

Dennis Weilmann,
Oberbürgermeister der Stadt Wolfsburg

(über Frau Dr. Umlauf)

„Eva Umlauf ist eine der letzten Überlebenden des Holocaust. Ihr Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Wolfsburg ist ein wichtiges Zeichen für unsere Stadt aber auch für Volkswagen, dass wir uns unserer Geschichte bewusst sind und diese nicht vergessen, sondern im Gegenteil: Die Erinnerung wachhalten, aufarbeiten und erfahrbar machen, um sie als Mahnung klar und bewusst an unsere und folgende Generationen weiterzugeben.“

(über 80 Jahre Mitbestimmung)

„Mitbestimmung ist Vielfalt, Dialog und gemeinsame Zukunftsentscheidungen. Stadt wie Konzern zeigen mit dem Bewusstsein für die eigene Geschichte, welchen Wert Beteiligung und Mitbestimmung haben. Demokratische Teilhabe ist vielfältig und die Mitbestimmung in Unternehmen ein wichtiger Teil davon. Aber was bei Volkswagen als Selbstverständlichkeit gelebt wird, ist ein hohes Gut, um das lange gekämpft und das stets verteidigt werden muss. Deswegen setzt dieses Jubiläum nicht nur ein starkes Zeichen innerhalb Volkswagens, sondern auch nach außen: für ein gelebtes Miteinander und unsere demokratischen Werte.“

 

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Zur Festrednerin Dr. Eva Umlauf:

Eva Umlauf ist eine der jüngsten Überlebenden von Auschwitz: 1942 in einem slowakischen Arbeitslager in eine jüdische Familie hineingeboren, wurde sie Ende Oktober 1944 zusammen mit ihrer im vierten Monat schwangeren Mutter und ihrem Vater nach Auschwitz deportiert, wo ihr Transportzug am 2. November 1944 eintraf. Ihr Leben verdankt Eva Umlauf der Tatsache, dass die Vergasungen in Auschwitz wenige Tage vor der Ankunft ihres Transportes angesichts der immer näher kommenden Roten Armee und der Absicht der SS, Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen, eingestellt worden waren. Dennoch durchlief die 2-jährige Eva mit ihren Eltern die Aufnahmeprozedur des Lagers: Ihr wurde die Nummer A26959 tätowiert. Während ihr Vater bei einem Todesmarsch erschossen wurde, überlebte Eva mit ihrer Mutter das Lager. Ihre Schwester wurde nach der Befreiung Ende Januar im April 1945 in Auschwitz geboren.

 

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