20.02.2026 | Riesen-Zustimmung für ersten Tarifvertrag in einer großen Automobilfabrik in den gewerkschaftsfeindlichen US-Südstaaten
Chattanooga/Wolfsburg - Die Volkswagen-Belegschaft im US-Werk Chattanooga hat ihren tapferen Kampf für einen mitbestimmten Arbeitsplatz nun auch mit einem Tarifvertrag gekrönt. Die Beschäftigten stimmten in der Nacht zu Freitag mit der überwältigenden Mehrheit von 96 Prozent für die Annahme der ersten tarifvertraglichen Regeln in der Geschichte der Fabrik im US-Bundesstaat Tennessee. Dieser Abstimmungserfolg der US-Gewerkschaft UAW in Chattanooga schreibt US-amerikanische Tarifgeschichte: Denn es ist das erste Tarifwerk der UAW in einer großen Automobilfabrik in den als gewerkschaftsfeindlich geltenden Südstaaten der USA. UAW-Präsident Shawn Fain sagte: „Die Volkswagen-Beschäftigten haben erneut einen Berg versetzt." Sie seien Vorreiter für die gesamte Arbeiterbewegung und alle noch nicht gewerkschaftlich organisierten Automobilarbeiter überall.
Volkswagens Konzernbetriebsratsvorsitzende und Präsidentin des Welt-Konzernbetriebsrates, Daniela Cavallo, sagte: “Die Belegschaft bei Volkswagen hat Mitbestimmungsgeschichte geschrieben - einmal mehr, und diesmal endlich auch in Chattanooga. Wir gratulieren unseren Kolleginnen und Kollegen ganz herzlich! Wir freuen uns mit euch.”
Rückblick: Unter großer Beachtung der weltweiten Arbeitnehmerbewegung hatte die UAW im April 2024 nach mehreren vergeblichen Versuchen endlich erfolgreich die VW-Fabrik in Chattanooga organisiert. Die Belegschaft schenkte dem US-Gewerkschaftsriesen bei einer dreitägigen geheimen Wahl mit 73 Prozent Zustimmung ihr Vertrauen. Der gewerkschaftlichen Organisation des Werkes folgten dann unter anderem Tarifverhandlungen. Im Oktober 2025 stimmte die Belegschaft für einen Arbeitskampf, auf den im Februar 2026 eine Grundsatzeinigung für ein Tarifpaket mit der Arbeitgeberseite folgte. Das wurde nun angenommen - mit den 96 Prozent Zustimmung aus der jetzt erfolgten Abstimmung unter den UAW-Mitgliedern in Chattanooga.
In der entscheidenden Phase im Frühling 2024 hatten Daniela und ihre IG Metall-Fraktion im Stammwerk die UAW unterstützt - vor den Kulissen mit einer Solidaritätsaktion und hinter den Kulissen mit Einflussnahme darauf, dass es für die UAW fair zugeht in Chattanooga. Die US-Südstaaten, darunter Tennessee, werben offen mit ihrer Gewerkschaftsfeindlichkeit als wirtschaftlichem Standortfaktor. Shawn Fains UAW hebt in der heutigen Pressemitteilung zum aktuellen Tarifdurchbruch die wichtige Unterstützung aus Wolfsburg im Frühjahr 2024 ausdrücklich hervor: “Volkswagen workers in Chattanooga voted 3-to-1 to join the UAW in 2024, with support from the Volkswagen Works Council and IG Metall”. Also auf Deutsch: “Die Volkswagen-Beschäftigten in Chattanooga stimmten im Jahr 2024 mit einem Mehrheitsverhältnis von 3 zu 1 für ihren Beitritt zur Gewerkschaft UAW, unterstützt vom Volkswagen-Betriebsrat und der IG Metall.” Fain war 2024 übrigens in Wolfsburg zu Gast gewesen.
Mehrere frühere Versuche der UAW in Chattanooga waren wegen massiver gewerkschaftsfeindlicher Kampagnen und juristischer Winkelzüge gescheitert. Mit der Abstimmung im April 2024 stand dann aber fest: Die Mitbestimmung bei VW fügte das letzte fehlende Puzzleteil auf der Weltkarte ihrer Belegschaftsvertretungen ein. Denn der Standort im Süden der USA war lange die einzige VW-Fabrik überhaupt weltweit ohne eine Belegschaftsvertretung. Für die UAW (siehe Infokasten* unten) war der Sieg geradezu historisch, weil sie zwar im Norden der USA – etwa rund um die Autostadt Detroit bei den heimischen US-amerikanischen Herstellern – stark ist, dagegen aber noch nicht in den US-Südstaaten und bei ausländischen Produzenten. Laut der Nachrichtenagentur Reuters war das VW-Werk in Chattanooga die erste Autofabrik in den Südstaaten seit dem Jahr 1940, in der sich eine Belegschaft über eine Wahl einer Gewerkschaft anschloss - und die erste Autofabrik eines ausländischen Herstellers überhaupt.
Der nun durch die Belegschaft abgesegnete Tarifabschluss umfasst nach UAW-Berechnungen eine Verbesserung im Gesamtvolumen von 21,6 Prozent. Allerdings muss man dazu zur Einordnung wissen, dass die Belegschaft in Chattanooga seit 2024 Nullrunden fuhr und sich der jetzige Abschluss über die vier kommenden Jahre (2027 bis 2030) erstreckt. Er umfasst neben Entgeltsteigerungen in vier Stufen auch Zuschüsse zur Gesundheitsvorsorge, eine Beschäftigungssicherung, Einmalzahlungen und weitere qualitative Verbesserungen wie ein neues Beschwerdesystem für Konflikte am Arbeitsplatz.
→ Hier die Tarifinfo im Original.
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* Infokasten UAW
Die internationale Gewerkschaft, United Automobile, Aerospace and Agricultural Implement Workers of America (UAW), ist eine der größten und vielfältigsten Gewerkschaften in Nordamerika mit Mitgliedern in praktisch allen Wirtschaftssektoren. Die UAW hat mehr als 400.000 aktive Mitglieder und mehr als 580.000 pensionierte Mitglieder in den Vereinigten Staaten, Kanada und Puerto Rico. In der UAW gibt es mehr als 600 lokale Gewerkschaften. Die UAW hat derzeit 1.750 Verträge mit rund 1.050 Arbeitgebern in den Vereinigten Staaten, Kanada und Puerto Rico.
Mehr im Netz: https://uaw.org/about/